Holzhauser Musiktage

DAS FESTIVAL

Erstklassige Musik
am bezaubernden Starnberger See

Seit nahezu 40 Jahren findet im Juli rund um den malerischen Ort Holzhausen ein Klassik-Festival der besonderen Art statt. Der Charme des Festivals ist das Außergewöhnliche, denn selten begegnen Künstler und Zuhörer sich in solch inspirierender Nähe an derart ungewöhnlichen Plätzen. Erleben Sie renommierte Musiker sowie junge Ensembles, welche dabei sind, die großen Konzertsäle der Welt zu erobern, in einer Umgebung, wo Sie sonst eher kein Konzert vermuten würden. Zu unseren Spielstätten gehören die Reithalle des Gut Ried in Ammerland, Loth Hof Tenne in Münsing, Schloss Seeburg in Allmanshausen und die Seeresidenz Alte Post in Seeshaupt.

Das Ostufer des Starnberger Sees war und ist noch stets für viele bekannte Künstlerinnen und Künstler aller Disziplinen Heimat und Inspirationsquelle zugleich. 1978 riefen der bekannte ungarische Geiger Dénes Zsigmondy und seine Frau, die Pianistin Anneliese Nissen, gemeinsam mit dem Pianisten Wilhelm Kempff die Holzhauser Musiktage ins Leben. Seitdem hatte dieses Festival jährlich viele große Interpretinnen und Interpreten der klassischen Musik zu Gast, unter ihnen Alfred Brendel, Isabelle Faust, Juliane Banse, das Cherubini Quartett, Nicolai Lugansky, Loriot, Ingolf Turban und Julian von Karolyi. Der in Ammerland ansässige Wilhelm Kempff gab 1980 in Holzhausen sein letztes Konzert und Loriot, ein enger Vertrauter des Festivals, zeichnete das Titelbild der Jubiläums CD der Holzhauser Musiktage. Auch in diesem Jahr erwartet Sie ein spannendes Programm und wir laden Sie herzlich ein, große Musik in besonderem Ambiente zu genießen.

TRIO ENTRE AMIS

Sonntag 8.7.2018 Ⅰ 19 Uhr
Seeburg
Nördliche Seestraße 130 | Allmannshausen

Anne Solveig Weber – Violine
Nuala McKenna – Violoncello
Johannes Umbreit – Klavier

Ludwig van Beethoven – Klaviertrio in B-Dur op.97 “Erzherzog Trio”
Felix Mendelssohn-Bartholdy – Klaviertrio in d-Moll op. 49

Bei ihrem letzten Auftritt im Rahmen der Holzhauser Musiktage begeisterte die junge Cellistin Nuala McKenna mit ihrem mitreißendem Spiel und ihrer starken Ausstrahlung das Publikum. Auch die Geigerin Anne Solveig Weber und der Pianist Johannes Umbreit sind dem Publikum vertraute Gesichter. Gemeinsam werden sie Perlen der Klavierkammermusik aufführen.

 

GRIGROYAN – KELLING –
TURBAN & FRIENDS

Donnerstag 12.7. Ⅰ 20 Uhr
Seeresidenz Alte Post
Alter Postplatz 1 | Seeshaupt

Lilit Grigoryan – Klavier
Susanne Kelling – Mezzosopran
Ingolf Turban – Violine
Anne Solveig Weber – Violine
Alice Marie Weber – Viola
Nuala McKenna – Violoncello

Wort und Ton. Lieder mit und ohne Worte

Werke von F. Mendelssohn, R. Schumann, J. Brahms, G. Mahler, A. Dvorak, P.d. Sarasate

Du Sehnen, das die Brust beweget,
Wann ruhest du, wann schlummerst du?
(Rückert/Brahms)

Tondichtungen verschiedenster Art bestimmen den Abend. Ob mit Text oder ohne: Die Kompositionen berühren die Seele und gehen unter die Haut. Sechs erstklassige Musiker lassen Sie in variierenden Formationen in die Welt der musikalischen Dichtung eintauchen.

ARMIDA QUARTETT

Mittwoch 18.7.2018 Ⅰ 20 Uhr
Loth Hof Tenne
Lothgasse 1 | Münsing

Aus meinem Leben

J. S. Bach – Auszüge aus der Kunst der Fuge
B. Smetana – Streichquartett Nr.1 in e-Moll “Aus meinem Leben”
W. A. Mozart – Adagio und Fuge in c-Moll KV 546
L. v. Beethoven – Streichquartett Nr. 8 in e-Moll op.59/2 “Razumovsky”

„Kein Zweifel: Das Armida Quartett gehört zu jenen jungen Nachwuchsensembles, die uns Musik (…) auf neue Art erleben lassen. (…) Um die Zukunft der Kammermusik müssen wir uns keine Sorgen mehr machen. Sie hat längst begonnen.“ (RONDO Magazin, 02.01.2016)

Es erwartet Sie ein Abend mit feinster Kammermusik, gespielt von vier herausragenden Musikern. Auszüge aus Bachs Kunst der Fuge stehen Smetanas berühmten Quartett „aus meinem Leben“ gegenüber. Angeregt zu seiner „Autobiographie in Tönen“ wurde der tschechische Komponist durch den fortschreitenden Verlust seines Gehörs. Die Taubheit wurde im Entstehungsjahr des Quartetts Gewissheit. Er schrieb darüber: „ … sie (gemeint die vier Musiker) sollen sich sozusagen im engsten Freundeskreis darüber unterhalten, was mich so bedeutungsvoll bewegt.“ Des weiteren stehen auf dem Programm Adagio und Fuge von W.A. Mozart und das berühmte zweite Razumovsky Streichquartett von Ludwig v. Beethoven.

Lassen Sie sich mitreißen von vier jungen Vollblutmusikern!

DUO GERASSIMEZ

Samstag 21.7.2018 Ⅰ 19 Uhr
Gut Ried
Riedweg | Ammerland

Alexej Gerassimez – Percussion
Wassily Gerassimez – Violoncello

Zwei Brüder – Zwei Vollblutmusiker

Von Bach bis Jazz.
Werke von u.a. J.S. Bach, A. Piazzolla, H. Villa-Lobos, A. Gerassimez und W. Gerassimez

Wenn die beiden Brüder auf Cello und Schlagzeug loslegen, bebt der Saal und keiner kann sich ihrer unglaublichen Energie entziehen. Wassily Gerassimez begeisterte bereits 2017 das Publikum der Holzhauser Musiktage mit seiner Interpretation des Cellokonzert von Friedrich Gulda. Am 21. Juli 2018 kehrt er in die Reithalle des Gut Ried zurück – an der Seite seines Bruders Alexej, einem der herausragendsten Schlagzeuger unserer Zeit. Erleben Sie einen aufregenden Abend mit Musik von Klassik bis Jazz!

Gabriel von Max und seine „Faust“-Bilder

Montag, 30. April 2018, Isar-Loisachbote
von VOLKER UFERTINGER

Münsing/München – München huldigt dem „Faust“. Noch bis Juli läuft ein Festival, wie es die Stadt noch nicht gesehen hat. Im Mittelpunkt: Goethes großes Drama, das wohl wichtigste oder zumindest bekannteste Werk der deutschen Literatur. In einer unüberschaubaren Anzahl an Veranstaltungen wird der Gelehrte, der sich dem Teufel verschreibt, als Prototyp des modernen Menschen dargestellt, unruhig, getrieben, rastlos. Die Ausstellung „Du bist Faust!“ in der Kunsthalle München an der Theatinerstraße zeigt, wie der „Faust“ Eingang in die bildende Kunst gefunden hat. Drei der ausgestellten Bilder stammen von Gabriel von Max: „Mephisto in Fausts Kleidern“ (1869), „Gretchen in der Walpurgisnacht“ (um 1875) und „Die Kindsmörderin“ (1877). Sie wurden aus ganz Deutschland zusammengetragen.

Gabriel von Max ist das, was man eine schillernde Figur nennt. Er malte Bilder, die die Zeitgenossen elektrisierten, etwa die „Märtyerin am Kreuz“ von 1867, das wohl bekannteste Beispiel seiner berühmten „Seelenmalerei“. Er war ein früher Anhänger Darwins und von dessen umkämpfter Evolutionstheorie und hatte Riesenerfolge mit Affenbildern. Das Geld, das er damit erwirtschaftete, steckte er in eine 60 000 Objekte umfassende Sammlung, vor allem bestehend aus prähistorischen Tier-Schädeln. Und: Ab etwa 1900 wohnte er am Starnberger See, in jener 1871 errichteten Villa, die seit vielen Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

Zeit seines Lebens war Gabriel von Max bekennender Verehrer des Weimarer Dichters. „Ich bewundere Göthes okkultistisches Wissen, seine Geschicklichkeit im Schreiben und im Innern anders zu denken, seine Keckheit und Missachtung der Leute. Poetisch zu sein traf er auch“, schreibt er einmal. Eine besondere Stellung nahm für den gebürtigen Prager – wie für fast alle Zeitgenossen – der „Faust“ ein, vor allem der 1808 erschienene erste Teil der Tragödie. Ende der 1860er Jahre erhielt Gabriel von Max den Auftrag, eine Prachtausgabe zu illustrieren, wie sie für die damalige Zeit typisch war. Doch die – insgesamt 60 – Zeichnungen, die er anfertigte, waren dem Berliner Verleger Grote nicht prächtig genug. Zu wenig Pomp, zu wenig vaterländisch, zu wenige historische Details: Das waren die Einwände gegen die Illustrationen des eigenwilligen Künstlers. Das Projekt zerschlug sich.

Immerhin gingen aus diesen Arbeiten teilweise jene Bilder hervor, die heute in München zu sehen, besser: zu bewundern sind. Da wäre einmal das Bild „Mephisto in Fausts Mantel“ von 1869. Es zeigt, wie Teufel und Faust zu einer Figur verschmelzen. „Die linke Hand liegt, vom Umhang befreit, ruhig auf dem Schoß, während die rechte sich, zur Kralle geformt, unter dem Mantel hervorschiebt und dabei ein Stück des roten Ärmels sichtbar werden lässt“, heißt es im Ausstellungskatalog. Faust hat längst eine doppelte Identität. Die Tragödie kann ihren Lauf nehmen.

Ebenso sehr wie der Faust beschäftigte den Maler dessen blutjunge Geliebte, das berühmte Gretchen. Bekanntlich bringt sie, von Faust verlassen, das gemeinsame Kind um und wird dafür zum Tode verurteilt wird – ein Schicksal, das damals häufig vorkam und das die Generation Goethes entsetzte. Das Bild „Gretchen in der Walpurgisnacht“ (um 1875) zeigt die Vision, die Faust während eines Hexensabbats in der Nacht auf den 1. Mai von seiner Ex-Geliebten hat. Geisterhaft starr schaut sie aus, eine kleine Flamme auf dem Kopf, die Raben neben ihr verstärken die düstere Stimmung.

Allgemeiner gehalten ist der Titel des Bildes „Die Kindsmörderin“ (1875). Es zeigt eine Frau in einer extrem seelischen Notlage, die verzweifelt und voller Liebe das von ihr soeben getötete Kind küsst. Genau dies ist der Fall von Gretchen – und der Kern der „Gretchentragödie“.

Vergleicht man von Max’ Illustrationen mit denen vieler Zeitgenossen, fällt auf, wie wenig er mit nationalistischem Pomp anfangen konnte. Nach der vorherrschenden Lesart war der „Faust“ ein Beweis dafür, dass die Deutschen anderen Nationen ebenbürtig, wenn nicht überlegen sind. Da machte Gabriel von Max nicht mit. Auch in dieser Hinsicht war der Wahl-Ammerlander ein eigenwilliger Mann.

Infos:

Die Ausstellung in der Kunsthalle dauert noch bis 29. Juli. Ein Aufsatz über Gabriel von Max und seine Faustillustrationen bietet der Ausstellungskatalog des Lenbachhauses „Gabriel von Max: Malerstar, Darwinist, Spiritist“ (2010). Infos zum Faustfestival im Internet unter www.faust.muenchen.de

Amrei Sell, Ein Malerleben zwischen Phantasie und Realismus

Einladung zur Ausstellung
im Marstall am See,
Mühlgasse 7, 82335 Berg
vom 28. April bis 9. Mai 2018
jeden Tag von 14 – 18 Uhr

Vernissage am 27. April 2018 um 16 Uhr

„Auf viele Jahre eines glücklichen Malerlebens“ blickt die 1946 in Isny im Allgäu geborene Künstlerin Amrei Sell zurück, die jetzt am Staffelsee lebt. Das verbindende Element dieses Lebens ist die Freude am Malen und an der ihr eigenen Palette von starken Farben, die ein positives Lebensgefühl vermitteln. Ihr Weg führte sie vom Realismus der 1970-er Jahre über phantasievolle Seidenmalerei bis zur Auflösung der Farben und Formen in Lichtpunkte
und zur Erschaffung rein abstrakter Farbwelten. So kann der  Ausstellungsbesucher im Marstall die Stationen einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit nachvollziehen.
Nach dem Studium der Freien Malerei, Kunstgeschichte und Buchgestaltung von 1965 bis 1970 an den Kunstakademien Braunschweig, Hamburg und München war Amrei seit 1970 parallel als freie Malerin und unter ihrem Ehenamen Amrei Fechner als Kinderbuchillustratorin international tätig. Aufgewachsen in einem der Kunst sehr aufgeschlossenen Elternhaus hatte sie sich schon sehr früh für die Malerei als Beruf entschieden. Und der Erfolg gab ihr recht.

 

Villa Max „Das traurigste Kapitel der Villengeschichte“

Von Benjamin Engel

Münsing – Zum dritten Mal haben die Eigentümer den Abriss der denkmalgeschützten Villa Max in Ammerland beantragt. Das Tölzer Landratsamt teilt mit, dass der Antrag bereits am 5. Februar eingegangen ist. Bisher seien die Eigentümer aufgefordert worden, die Unterlagen für ihr Ansinnen zu vervollständigen. Sobald das geschehen sei, werde das Landesamt für Denkmalpflege beteiligt, so heißt es aus der Kreisbehörde. Unabhängig davon haben die Eigentümer mit den Behörden laut Landesamt für Denkmalpflege vereinbart, die stark beschädigte Balkonbrüstung aus Holz kontrolliert abzutragen. Die Fachbehörde geht von einer Neukonstruktion im Zuge der Instandsetzung aus.

Damit flammt die Kontroverse um das frühere Haus des als Affenmaler bekannten Künstlers Gabriel von Max (1840-1915) erneut auf. Schon seit Jahrzehnten lassen die Eigentümer das 150 Jahre alte Gebäude – sie haben es Mitte der 1990er-Jahre gekauft – verfallen. Das Landratsamt zog sogar vor Gericht, um das Innere der Villa durch Baukontrolleure dokumentieren und fotografieren zu dürfen. Nach einer Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs von 2013 müssen die Eigentümer das dulden.

Die Auseinandersetzungen um das Haus sind für Münsings Bürgermeister Michael Grasl (FW) „das traurigste Kapitel der Villengeschichte am Starnberger See“. Auf den erneuten Abrissantrag reagiert er gelassen bis konsterniert. „Für uns ist das kein Grund, die Alarmglocken läuten zu lassen“, sagt er auf Nachfrage. Für die Gemeinde sei die Entscheidung vollkommen klar, das Einvernehmen zu verweigern. Persönliche Kommentare zu den Eigentümern wolle er sich lieber ersparen, fügt Grasl hinzu. Gespräche hätten nicht weitergeholfen. Der Abrissantrag sei so sang- und klanglos gekommen wie gewohnt.

Erfolgreich waren die Eigentümer mit einer Normenkontrollklage gegen den Bebauungsplan der Kommune an der südlichen Seestraße inklusive der Villa Max. Damit will Münsing dort eine einzeilige Bebauung festschreiben. 2017 erklärte jedoch der bayerische Verwaltungsgerichtshof den Bebauungsplan für unwirksam. Die Richter bemängelten, dass die Gemeinde ihre rigiden Festsetzungen nicht konsequent umsetze. So solle einerseits die einzeilige Bebauung festgeschrieben werden. Andererseits erlaube die Gemeinde auf einem bereits mit zwei Wohngebäuden bebauten Grundstück ein weiteres Wohnhaus, so argumentierte der Verwaltungsgerichtshof damals. Die Kommune arbeitet daran, die Mängel im Bebauungsplan zu „heilen“.

Nach dem bayerischen Denkmalschutzgesetz haben Eigentümer ihre Baudenkmäler „instandzuhalten, instandzusetzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen“. Derzeit sieht das Tölzer Landratsamt als untere Denkmalschutzbehörde die Eigentümer der Villa Max nur verpflichtet, die nackte Bausubstanz zu erhalten.

Im Inneren sind seit fast zwei Jahrzehnten wertvolle Bestandteile des Interieurs verschwunden. Darunter fielen Kachelöfen und Möbel. Von der Renaissance-Decke im früheren Speisezimmer fehlt jede Spur. Anfang Januar 2012 hatte das Tölzer Landratsamt den zweiten Abrissantrag für das Ammerlander Anwesen endgültig abgelehnt. Die Möglichkeit dagegen vor dem Verwaltungsgericht zu klagen, nutzten die Eigentümer nicht. Stattdessen zogen sie den im März 2011 gestellten Abrissantrag zurück. Von Außen wirkt das denkmalgeschützte Haus schon seit langem verwahrlost. Am Dach der Veranda sprießt das Gras. Die Holzbrüstungen sind verfallen. Die weiße Farbe an der Holzverschalung blättert ab und von der Fassade bröselt der Putz.

Wolfratshauser SZ , 14. März 2018

Abrissantrag, der dritte

Eigentümer der Villa Max starten neuen Versuch – Grasl genervt

Münsing – Es war längere Zeit ruhig um die Villa Max in Ammerland. Jetzt haben die Eigentümer aus München, Mutter und Sohn, erneut einen Abrissantrag für das denkmalgeschützte Haus aus dem Jahr 1871 gestellt. Der Antrag ging Anfang Februar direkt bei der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt ein, teilt Pressesprecherin Marlies Peischer mit. Die Behörde leitete ihn an die Gemeinde Münsing weiter.

Diese hat laut Bauamtsleiter Stephan Lanzinger bereits dazu Stellung genommen. Ihre Ablehnung werde sie demnächst an die Denkmalschutzbehörde schicken. „Wir werden uns auf unsere Aussage zum Abbruchantrag von 2011 beziehen. Es hat sich seitdem nichts geändert“, erklärt Lanzinger. Die Haltung der Gemeinde sei seit vielen Jahren bekannt, ergänzt Bürgermeister Michael Grasl: „Mich nervt das Ganze allmählich.“

Der erste Abrissantrag der Eigentümerin, die die Villa 1996 erworben hat, wurde abgelehnt, eine Klage dagegen 2005 vom Münchner Verwaltungsgericht abgewiesen. Es folgte ein Antrag auf Sanierung und Erweiterung im Jahr 2006. Das von den Behörden geforderte denkmalgerechte Instandsetzungskonzept legten die mittlerweile beiden Bauwerber jedoch nie vor. Stattdessen stellten sie 2011 den zweiten Abrissantrag, der wieder abgelehnt wurde. Diesmal klagten sie nicht dagegen. Sie zogen ihren Antrag zurück.

„Sang- und klanglos“, wie Bürgermeister Grasl sagt, starteten die Eigentümer nun einen dritten Versuch. Die Gemeinde habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen. Auch mit dem Landratsamt gab es laut Pressesprecherin Peischer kein Vorgespräch. Weil der Antrag unvollständig sei, habe man weitere Unterlagen verlangt. Sobald diese vorliegen, werde man das Landesamt für Denkmalpflege beteiligen. Nach dem bayerischen Denkmalschutzgesetz müssen Eigentümer ihre Baudenkmäler „instand halten, beziehungsweise instand setzen, sachgemäß behandeln und vor Gefährdung schützen“.

Bei der Villa Max direkt am Seeufer ist davon nicht viel zu sehen. Das Gebäude, das einst die Künstlerfamilie Gabriel von Max bewohnte, verfällt. Wegen des Abrissantrags macht sich Bürgermeister Grasl keine großen Sorgen: „Die Max-Villa ist und bleibt ein Denkmal.“ Tanja Lühr

Münchner Merkur, Isar Loisachbote, 16. März 2018

Landrat unterliegt vor Gericht

 

Münsing – Die Stimmung war einigermaßen aufgewühlt in der Münsinger Bürgerversammlung Ende Mai 2017. Wieder drängte Thema Nummer eins in den Vordergrund, das umstrittene Seniorenstift in Ambach. Gustav Neumeister, Rechtsanwalt und Beirat des Ostuferschutzverbands, erhob den Vorwurf, dass die Behörden mit zweierlei Maß messen würden. „Kleinen Bürgern werden Schwierigkeiten gemacht, wenn sie im Außenbereich bauen wollen, für Großinvestoren aus der Sozialbranche werden Bebauungspläne erarbeitet“, behauptete er.

Darauf reagierte Landrat Josef Niedermaier ungewohnt harsch. Er wetterte: „Sie müssen sich schon an die Fakten halten. Es handelt sich auf dem ehemaligen Wiedemann-Gelände eben nicht um Außenbereich, auch wenn sie das immer wieder behaupten. Das ist zig mal geklärt werden.“ Und dann, allgemeiner: „Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Anwälte mit ihrem Halbwissen die Leute an der Nase herumführen. Genau so ein Fall sind Sie.“

Wer dabei war, weiß: Der Saal hielt den Atem an, Neumeister rang um Fassung. Er verstand das Ganze als Angriff auf seine Ehre und ließ den Vorgang nicht auf sich beruhen. In einem Leserbrief an unsere Zeitung, die den Wortlaut der Auseinandersetzung zitiert hatte, beharrte Neumeister auf seinem Standpunkt, dass es sich um Außenbereich handelt, verwies auf Stellungnahmen sowohl des Landratsamts als auch der Gemeinde und fragte: „Kann man eine Sachfrage klären, ohne sich gegenseitig die Ehr’ abzuschneiden?“

Doch nicht nur das: Der Jurist klagte vor dem Verwaltungsgericht. Der Fall wurde Anfang Dezember in München entschieden – ohne mündliche Verhandlung. Ergebnis: Das Gericht schloss sich der Ansicht von Neumeister an. Dem Landrat wurde rechtskräftig die Aussage verboten, Neumeister „führe mit seinem Halbwissen die Leute an der Nase herum“. Nach Ansicht des Gerichts stelle diese Äußerung einen nicht gerechtfertigten Angriff auf die persönliche und berufliche Ehre dar.

All das teilt Neumeister in einer Presseerklärung an unsere Zeitung mit. „Fehlendes Wissen lag also nicht bei mir vor“, schreibt er. „Einem juristischen Laien kann man es nachsehen, wenn er Innen- und Außenbereich nicht immer auseinanderhalten kann. Eine Entschuldigung wäre aber angebracht.“ Dazu sei es leider nicht gekommen, weder vor noch nach der Gerichtsverhandlung. „Ich verstehe das nicht, wir hätten das leicht aus der Welt schaffen können.“ Neumeister hat sich zudem an die Anwaltskammer gewandt, die dem Landrat einen geharnischten Brief geschrieben hat.

Der Landrat will sich zu der Affäre nicht äußern. „Mit dem Gerichtsurteil ist die Sache erledigt“, erklärt die Pressesprecherin des Landratsamts, Marlis Peischer.

Ehrenpreise made in Münsing

VON VOLKER UFERTINGER, Isar Loisachbote vom 24. Februar 2018

Der Ammerlander Künstler Ernst Grünwald ist ein gefragter Bildhauer. Zum Broterwerb fertigt er auch Ehrenpreise an. Diese hübschen, kleinen Auftragswerke haben schon die verschiedensten Leute bekommen. Etwa der berühmte Basketballer Dirk Nowitzki.

Münsing – Der neueste Ehrenpreis aus der Werkstatt von Ernst Grünwald – der Kulturpreis der Stadt Geretsried für Werner Sebb – trägt den schönen Namen „Dialog“. Auf einer Bank sitzt links eine lesende Frau, rechts macht ein Akrobat einen Handstand, beide im Gleichgewicht. Wie er auf die Idee gekommen ist? „Ich wusste ja nicht, ob die Auszeichnung an eine Frau oder einen Mann geht“, erzählt er. „Also kommen beide Geschlechter vor.“ Eine Schwäche für Akrobaten hat er ohnehin. Der Rest war künstlerische Freiheit.

Kulturpreis der Stadt Geretsried

Auftragsarbeiten wie der „Dialog“ spielen für Künstler wie Grünwald (61) eine wichtige Rolle. „Sie dienen schlicht und einfach dem Broterwerb“, sagt er. Während man bei Ausstellungen nie vorhersagen kann, ob sich ein Käufer findet, landet in diesem Fall das Geld verlässlich auf dem Konto. Wobei die Arbeit nach bestimmten Wünschen eine ganz andere ist. „Wenn ich mir sonst ein Werk vornehme, horche ich mich hinein“, sagt Grünwald. „Bei Auftragsarbeiten horche ich eher anderen zu.“

So zum Beispiel bei einem Werk aus dem Jahr 2007, dem „goldenen Waigel.“ Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hatte den Preis für den größten deutschen Steuerzahler ausgelobt und nach dem ehemaligen Bundesfinanzminister benannt. Der Auftrag ging an Grünwald. „Gott sei Dank ist Herr Waigel ein Mann mit markantem Äußeren“, erinnert er sich. So war es leicht, eine wiedererkennbare Figur in der Größe von 22 Zentimetern anzufertigen, die über zwei mächtige Augenbrauen und einen Aktenkoffer verfügt.

Auch Sporttrophäen stammen aus der Werkstatt am Riedweg in Ammerland. So zählte Grünwald jahrelang den Internationalen Basketballverband FIBA zu seinen Kunden. Der in der Schweiz ansässige Verband orderte die Auszeichnungen „Young Player“, „Womens Player“ sowie „Player of the Year“. Der gebürtige Münchner hat sie alle aus Bronze und sehr dynamisch bei der Ausübung ihrer Sportart gestaltet. Einer der Preisträger: Dirk Nowitzki, der wohl berühmteste Basketballer der Welt. Wer weiß, vielleicht hat die kleine Skulptur aus Bronze in der Villa von Nowitzki in Dallas einen Ehrenplatz.

Doch es müssen nicht immer die ganz großen Namen sein. So hat der Künstler, zugleich Dritter Bürgermeister der Gemeinde, auch den Münsinger „Energiewende-Cup“, den „Lupus-Cup“ für den Golfclub Wolfrathausen und die Bürgermedaille für die Gemeinde Krailling kreiert. Alle zwei Jahre verleiht außerdem die Evangelische Akademie Tutzing einen Preis für Nachwuchskünstler. Sein Name: „Phönix“, das sprichwörtliche Tier erhebt sich in der Darstellung von Ernst Grünwald soeben aus der Asche in die Lüfte. Das Material: Messing – also ausnahmsweise nicht das vom Künstler geliebte Bronze.

Besonders wichtig findet Grünwald den Gabriel-von-Max-Denkmal-Preis. Damit wird in Münsing ein Stück lokale Kulturpolitik gemacht. Denn: Mit der Auszeichnung prämiert der Ostuferschutzverband jedes Jahr ein Positivbeispiel in Sachen Denkmalschutz. Das hat durchaus seinen Sinn, denn die Villa Max in Ammerland, das einstige Domizil des Malers, Spiritisten und Darwinisten Gabriel von Max, ist ein abschreckendes Negativbeispiel. Sie verfällt, ohne dass die Eigentümerin auch nur das Geringste dagegen unternimmt. Grünwald hat sich von der Tatsache inspirieren lassen, dass das Lieblingstier des Malers der Affe war. So kommt es, dass die vorbildlichen Denkmalschützer des Ostufers jetzt zur Feierstunde ein solches Tier aus Bronze verliehen bekommen. Der Affe sitzt auf einer Säule, hält eine Miniaturausgabe der Villa im Schoß und grübelt offensichtlich vor sich hin. Worüber? Die Evolution? Den Lauf der Zeit? Den mangelnden Respekt vor Denkmälern? Da kann sich jeder seinen eigenen Reim machen. Wie immer bei der Kunst.

Was mit seinen Ehrenpreisen nach der Verleihung passiert, erfährt Grünwald selten. Dass sich jemand meldet, um sich zu bedanken oder über die Botschaft des Kunstwerks zu philosophieren, passiert praktisch nie. Grünwald hat nur einen Wunsch. „Es wäre schön, wenn sie nicht in irgendeiner Schublade verschwinden.“ Wer sie kennt, kann nur sagen: Wäre wirklich jammerschade drum.

 

„Von Träumen und Kriegern“ Christiana Biron / tiana-alexis


Collagen und Gedichte

Einblicke in die lebendige und bewegende Gefühlswelt der Künstlerin.
Mit hoher Ästhetik fügen sich die einzelnen fragilen Teile der Collage und Worte zusammen und laden den Betrachter ein, in Sehnsucht, Lebenslust, Trauer und Schrecken einzutauchen.

Führung durch die Austellung durch die Künstlerin
am 04.03.2018 um 11 Uhr
Seeresidenz Alte Post – Seeshaupt

Ausstellungsdauer : 21. 01. Bis  04.03.2018

Richtlinien für die Vergabe des Gabriel-von-Max-Denkmalpreises durch den OSV

Zweite Fassung nach Diskussion und Festlegung im „Jour Fixe“ am 7.2.13

Ziel des Denkmalpreises ist es das private Engagement der Eigentümer bei der Denkmalpflege zu honorieren und somit durch Vorbilder einen Anreiz zur Nachahmung zu geben.

  1. Der Preis wird an Eigentümer verliehen, die sich in besonderer Weise bei der Erhaltung ihrer Bau- oder Gartendenkmäler verdient gemacht haben. Kriterien für die Vergabe sind insbesondere die fachliche, ästhetische und ökologische Qualität von Erhaltungsmaßnahmen, die Kreativität bei der Durchführung, der Aufwand der Eigentümer und die Bedeutung des Denkmals.

In besonders gelagerten Fällen können statt Eigentümern auch Nutzungsberechtigte ausgezeichnet werden.

  1. Auswahlbereich ist der in der Satzung des OSV festgehaltene Geltungsbereich. Bei den Bau- und Gartendenkmälern soll es sich um solche historischen Anlagen handeln, die für das herkömmliche Orts- und Landschaftsbild des Ostufers von Bedeutung sind und deren Erhaltung daher im Allgemeininteresse liegt. Nicht erforderlich ist jedoch, dass die Anlagen in der amtlichen Denkmalliste geführt werden.
  1. Über die Preisvergabe entscheidet eine Jury, bestehend aus dem OSV-Vorstand und drei fachkundigen externen Personen (Dr.Dufter, Mannes, Gerchow). Vorschläge sind schriftlich und mit einer kurzen Begründung bei der Geschäftsstelle des OSV einzureichen.
  1. Der Preis wird jährlich verliehen. Der Preisträger erhält eine Bronzeskulptur des Bildhauers Ernst Grünwald.
  1. Die Namen der Preisträger werden öffentlich bekanntgegeben.
  1. Ein Rechtsanspruch auf Zuerkennung eines Preises besteht nicht.

„Mächtiges Gefühl der Scham“

Von Benjamin Engel, Wolfratshauser und Starnberger SZ 24. Januar 2018

Münsing – Die Musiktheaterregisseurin Verena von Kerssenbrock bewundert ihren Urgroßvater Colombo Max (1877 bis 1970). „Für uns war er immer der Nonno“, erzählt sie. Der Maler und Sohn des Künstlers Gabriel von Max sei ein Vorbild gewesen, das sie als Kind noch persönlich erlebt habe. Colombo Max habe sehr viel gewusst, ganz in und mit der Natur gelebt, erinnert sie sich. Eine weitere Facette lernte Kerssenbrock kennen, als sie auf seine mehr als 1000 Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg stieß. Die zeigen ihn und seine Frau Paula als Skeptiker gegen den Kriegswahnsinn. Daraus ist ein Buch entstanden: „Die Münchner Künstlerfamilie Max. Feldpostbriefe 1914-1918“.

Von der Lektüre der Briefe war die Regisseurin sofort begeistert. „Das sind wahnsinnig spannende, sehr detaillierte Zeitdokumente“, erläutert sie. Paula hatte aus Liebe zu Colombo – sie hatten 1910 geheiratet – ihre Tanzkarriere aufgegeben. Am Gasthaus in Ammerland – in dem Ort hat die Künstlerfamilie Max ein Sommerhaus – liest sie von der Mobilmachung der deutschen Soldaten und notiert am 5. August 1914 in ihrem Tagebuch: „Man glaubt zu träumen, hier diese Ruhe und draußen soll Krieg werden. Mein Verstand kann diese beiden Dinge nicht vereinen.“ Warum ein so selbständiger Mann wie Colombo gezwungen wird, „alles zu verlassen und zum Raufen zu gehen“, versteht sie nicht. „Sind die Menschen noch nicht reif und gebildet genug, um sich so blutig wie Buben oder Raufbolde zu schlagen.“

An dem Buch hat Kerssenbrock fünf Jahre gearbeitet. Sie transkribierte die teils nur schwer entzifferbaren handschriftlichen Feldpostbriefe aus fünf Kriegsjahren. Die Korrespondenz war teils in Familienbesitz, teils wurde sie im Archiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg fündig. In den Räumen lagerten viele Briefe in Kisten, erzählt sie. „Die waren noch ungeordnet.“ Die ursprüngliche Idee, die Briefe nur für den privaten Familienkreis zu bearbeiten, gab Kerssenbrock bald auf. Zu spannend erschienen ihr die Briefe als Zeitdokumente für die Öffentlichkeit. Sie kontaktierte den Münchner Scaneg Verlag, der das Buch Ende 2017 herausgab.

Colombo Max wurde als Unteroffizier der Landwehr eingezogen. Von Ingolstadt kam er mit seinem Bataillon im Oktober 1914 an die Westfront. Seine Aufgabe war es, die Infanterie mit Munition zu versorgen. Später war er für die Verpflegung der Soldaten verantwortlich. Noch in Ingolstadt hält Colombo beim Anblick von gefangenen französischen Soldaten fest: „Wenn sie nicht rote Hosen anhätten, könnte man sie für intelligente Bayern ansehen.“ Im April 1915 schreibt er an seine Frau aus Fournes im französischen Flandern von Totenkreuzen, die wie Blumen in den Himmel wachsen. In der Kirche hat die Muttergottes keinen Kopf und keine Hände mehr. „Weggeschossen“, notiert er. „Bei Anblick von Verwundeten, Leichen und all dem Zerstörten habe ich immer nur ein mächtiges Gefühl der Scham“, schreibt er ein paar Tage später.

In inniger Verbundenheit präsentiert sich die Familie Max mit Paula, Colombo und Sohn Thomas (von links) auf einem Gemälde. Foto: Privat

 

Colombo und seine Frau korrespondierten fast täglich. Von Kriegsbegeisterung ist dabei nie zu lesen. Er kann nicht verstehen, warum nur von der hohen Begeisterung der Soldaten und den mächtigen Tönen der Kanonen geschrieben wird. Der Kriegslärm erzeugt in ihm „Wut aus Scham über die Menschheit“. Diese pazifistische Grundhaltung hatte wohl auch mit seiner Erziehung zu tun. Colombo war das dritte Kind aus der Ehe des Malers Gabriel von Max (1840 bis 1915) mit Emma Kitzing. Er hatte noch eine Schwester, Ludmilla, und den Bruder Corneille, ebenfalls Maler. Auf Wunsch des Vaters lebte die Familie isoliert. Er selbst und Hauslehrer unterrichten die Kinder, die keine Schule besuchten. Eine Kinderbuchautorin berichtet, dass die Buben auch nicht mit Soldaten spielen durften

Schrecken ohne Ende

Der Widerstandskämpfer Thomas Max wurde in den letzten Kriegstagen von einem glühenden Nazi in Grünwald erschossen. Das Ereignis wirkt bis heute nach, in der Familie des Opfers und der des Täters

Von Bernhard Lohr

Alles schien nach Plan zu laufen. Thomas Max war in seiner Wohnung, als gegen 8 Uhr die Meldung über Radio verbreitet wurde, die Freiheitsaktion Bayern (FAB) habe die Kontrolle über staatliche Stellen übernommen. Er wurde am Morgen des 28. April 1945 vom Glücksgefühl des nahenden Kriegsendes übermannt und tanzte vor Freude. Dann klingelte das Telefon. Man rief ihn als Arzt zu einem Verletzten ins nahe Rathaus. Seine sechsjährige Tochter Veronika wollte noch mitkommen. Doch ihr Vater wies sie an zu bleiben. Kurz darauf traf Max auf den glühenden NS-Anhänger Friedrich Ehrlicher. Es gab ein Wortgefecht. Und dann hörte die Tochter im Garten des Hauses die Schüsse, die ihren Vater im Alter von 38 Jahren tödlich in den Rücken trafen.

Thomas Max war mit den Kreisen um die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ befreundet und Anhänger der Freiheitsaktion Bayern, deren Mitglieder sich am 28. April an 78 Orten erhoben, um das sinnlose Sterben zu beenden. In Grünwald machten sich die Aktivisten daran, Sprengladungen an der Grünwalder und der Großhesseloher Brücke zu entfernen. Thomas Max setzte mit Freunden in den frühen Morgenstunden zudem den Ortsgruppenleiter Karl Müller und andere Nazigrößen im zweiten Stock des Rathauses fest. Zwei FAB-Aktivisten schoben Wache, als Friedrich Ehrlicher, Zugführer des Grünwalder Volkssturms, in Begleitung von zwei Hitlerjungen kam und die Nationalsozialisten befreite. Dabei wurde der FAB-Mann Erich Sachsinger durch Schüsse an Schulter und Achsel verletzt und Thomas Max wurde gerufen, um seinem Mörder in die Arme zu laufen. Der Aufstand der Freiheitsaktion brach zusammen und die NS-Herrschaft wurde um Tage verlängert. Am 1. Mai rollten Panzer der US-Armee durch Grünwald.

Thomas Max‘ Enkelin Verena von Kerssenbrock hat ein Buch zur Familiengeschichte veröffentlicht. An die Wand projiziert: Thomas Max mit seinen Eltern Colombo und Paula.

Mehr als 70 Jahre später hat Veronika von Kerssenbrock die Schüsse noch im Ohr, die ihr den Vater raubten und das Leben der Familie veränderten. Sein Tod war ein Schock für sie und ihren damals achtjährigen Bruder Nikolaus. „Ich habe ihn noch tot gesehen“, erinnert sich der heute 81-Jährige an das Bild, wie der Vater in einer blutdurchtränkten Militärjacke mit entfernten Hoheitsabzeichen in einem Schuppen in der Nähe des Tatorts lag. Dort hatten ihn Ehrlichers Anhänger lebend hingebracht. Erst zwei Stunden nach seinem Tod wurde die Familie benachrichtigt.

An die Ermordung von Thomas Max am 28. April erinnert ein Gedenkstein vor dem Rathaus. Die Dr.-Thomas-Max-Straße ist nach dem Mann benannt, dem der Widerstand gegen Gewalt und staatliche Willkür in die Wiege gelegt schien. Thomas Max war Adoptivsohn des Malers Colombo Max, der unter dem Eindruck der Gräuel an der Front im Ersten Weltkrieg eine stark pazifistische Ader entwickelte. In einem Feldpostbrief schrieb Colombo Max an seine Frau Paula den prophetischen Satz „Tommi muss ein Freiheitskämpfer werden. Wir sind’s nicht. Noch nicht“. Als sein Sohn ermordet wurde, wollte Colombo Max erst nicht mehr leben und wurde dann für seine Enkel Veronika und Nikolaus Vaterersatz. Sie besuchten ihn in der Max-Villa in Ammerland am Starnberger See, wo der Historienmaler Gabriel von Max schon gelebt und gearbeitet hatte, der Vater von Colombo und Corneille Max – der Malerbrüder aus Ammerland.

Colombo Max kam nie richtig hinweg über die Ermordung des geliebten Sohns , den er in seinen Feldpostbriefen im Ersten Weltkrieg viele Male als „lieben Tommi“ Grüße und Küsse ausrichten ließ. Auch ein Brief des gerade elfjährigen Tommi an seinen Vater, der als Soldat in Frankreich war, ist in dem dieser Tage erschienenen Buch „Die Münchner Künstlerfamilie Max“ abgedruckt, in dem Tommi seinem Vater von den Ereignissen im November 1918 berichtet: „In München ist Revolution! Die Soldaten sind frei und haben heute Nacht in die Luft geschossen. Maschinengewehre haben sie aufgestellt und Unser König hat abgedankt. Bayern ist Republik! […]Gruß und Kuss Dein Sohn Tommi“ Diesen Umsturz erlebte Thomas Max als Kind freudig mit, so wie er als Erwachsener das Kriegsende 1945 erwartete. Als Familienvater war Thomas Max in den Widerstand gegen Diktatur und Militarismus gegangen, als es geboten war – und fand doch nur den Tod.

Der nur ein Jahr ältere Todesschütze Friedrich Ehrlicher stand politisch auf der Gegenseite. Er war seit 1930 Mitglied der NSDAP gewesen und unter anderem Leiter der Abteilung Propaganda/Rednerwesen im Gau München-Oberbayern. Von 1938 bis 1945 führte er das Stadtjugendamt und kämpfte bis zum Schluss für den Fortbestand der Diktatur. Im Jahr 1952 musste er sich wegen der Schüsse auf Thomas Max vor Gericht verantworten. Colombo Max verfolgte die Verhandlung und erlebte, wie seine Familie ein zweites Mal Opfer wurde. „Richter zu alt (National verkalkt)“, notierte Colombo Max damals in sein Tagebuch. Stimmung „pro Ehrlicher“. Dieser sei ein „sturer Nazi“ und „militärisch“. Die Anklage lautete auf versuchten Totschlag an Sachsinger und Totschlag an Max. Ehrlicher wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein viel zu mildes, ungerechtes Urteil, wie Colombo Max fand, weil er nicht gelten ließ, dass Ehrlicher angeblich in Notwehr gehandelt hätte. Thomas Max war beim Zusammentreffen bewaffnet. Aber: „Wenn Tommi wirklich geschossen hat, war es in Notwehr. Er konnte sich denken, dass er in den nächsten Stunden gehängt würde, wenn er lebend denen in die Hände fällt.“ So der Vater. Der Täter war jedenfalls bald raus aus dem Gefängnis. Grund sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, sahen er und seine Familie über Jahrzehnte in der jungen Bundesrepublik nicht.

So geriet für die Familie von Thomas Max das Ende des NS-Regimes nicht zur inneren Befreiung. Die Gesellschaft war in den Fünfzigerjahren weit davon entfernt, Widerstandskämpfer als Helden anzusehen. Die Münchner Familientherapeutin Eva Madelung und der Historiker Joachim Scholtyseck beschreiben in ihrem Buch „Heldenkinder, Verräterkinder: Wenn die Eltern im Widerstand waren“, wie belastend für viele Nachkommen das Erbe war. NS-Täter wie Friedrich Ehrlicher waren nicht nur vor national gesinnten Richtern wieder obenauf. Der Verdienst etwa der Männer des 20. Juli wurde herabgesetzt und linker Widerstand nicht anerkannt. Behörden erließen Bescheide, dass „keine staatliche Unterstützung an Verräterfamilien“ zu zahlen sei. Selbst Mitglieder der „Weißen Rose“ hätten sich nicht getraut, sich öffentlich zum Widerstand zu bekennen, schreiben Madelung und Scholtyseck. Widerstandsfamilien seien isoliert gewesen und auf sich gestellt und hätten unter einem janusköpfigen Vermächtnis der Widerstandskämpfer zu leiden gehabt: Helden oder Verräter? Täter oder Opfer? Das war für viele Menschen damals nicht ausgemacht. Madelung und Scholtyseck gehen dem Phänomen in Interviews mit Betroffenen auf den Grund.

Nikolaus Max musste als nicht einmal zehnjähriger Bub erleben, wie verstörend die Umwelt auf die Ermordung seines Vaters reagierte. Der Täter kam gefühlt mit einem Freispruch weg. „Das Ganze ist der Familie sehr nahe gegangen“, sagt der 81-Jährige. Die Familien Ehrlicher und Max kannten sich. Man begegnete sich. Nikolaus Max ging sogar mit einem Sohn des Friedrich Ehrlicher in die Schule und hörte sich an, wie dieser sagte, dass dessen Vater seinen erschossen habe. Mit dem Täter kreuzten sich die Wege des Nikolaus Max später beinahe, als er in München an der Briennerstraße Kurse an der Gewerbeschule besuchte. Friedrich Ehrlicher war dort tätig. Max belegte einen Samstagskurs, Ehrlicher arbeitete dort unter der Woche. Begegnet sind sie sich nicht. Und doch war Nikolaus Max immer klar, wenn er die Schwelle zur Schule überschritt: Hier geht auch der andere ein und aus.


Dann vergingen Jahrzehnte. Nikolaus Max machte als Kaufmann sein Glück. Friedrich Ehrlicher lebte später in Haar. Die Geschehnisse vom 28. April 1945 gerieten in den Hintergrund. Doch wie durch ein unsichtbares Band blieben die Familien Max und Ehrlicher durch die Vergangenheit weiter verbunden. Ein Sohn von Friedrich Ehrlicher sprach Veronika von Kerssenbrock vor zehn Jahren bei einer Gedenkfeier für ihren Vater in Grünwald an und offenbarte ihr, dass auch die Täterfamilie bis heute unter dem Ereignis am Kriegsende leidet. Gesprochen wurde aber lange nicht darüber. Jetzt vor kurzem erst wandte sich ein Guy Hofmann mit einem Brief an Veronika von Kerssenbrock. Er ist ein Großneffe zweiten Grades des Volkssturmmanns Friedrich Ehrlicher. Hofmann kam nach dem Krieg zur Welt und war schon jenseits der 50, als er erkannte, wie in seiner Familie das Verbrechen an Thomas Max verdrängt wurde. Eine beiläufige Bemerkung in der Familie brachte Hofmann darauf, den Namen des entfernt Verwandten in eine Internet-Suchmaschine einzugeben, wo er auf einen Artikel in der Online-Enzyklopädie Wikipedia über seinen Großonkel stieß.

Als Guy Hofmann von dem Mord an Thomas Max erfuhr, versetzte es ihm einen Stich. Er dachte an Thomas Max‘ Tochter und Sohn und seine fünf eigenen Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren. Er fand den Gedanken furchtbar, dass Max‘ Kinder keinen Vater gehabt haben. Die Tat eines Fanatikers, sagt Hofmann. In der Familie war das aber nie offen Thema. „Es ist wirklich abenteuerlich“, findet Hofmann. Er und Veronika von Kerssenbrock telefonierten und sie gab ihm weitere Unterlagen. Von Kerssenbrock gibt sich heute versöhnlich und sagt: „Ich glaube, dass es im Moment für diese Familie noch viel schlimmer ist, die Geschichte zu verarbeiten. Als Kind war es natürlich schwer, aber für mich ist es vorbei. Wenn ich ihnen dabei helfen kann, es zu verarbeiten, ist das in Ordnung.“ Die Kinder könnten schließlich nichts dafür.

Doch es lässt sie auch nicht los. Guy Hofmann engagiert sich heute im Osnabrücker Forum „Kriegskinder und Kriegsenkel“ und fragt sich: „Wie viel Nazi steckt in mir?“ Dem gebürtigen Münchner gehen Szenen aus seiner Kindheit und Jugend nicht mehr aus dem Kopf. Ihn beschäftigt, dass Friedrich Ehrlicher lange den 8. Mai als einen „Tag der Niederlage“ bezeichnete und sein Großvater, ein erfolgreicher Geschäftsmann in München, noch in den Sechzigerjahren an Hitlers Geburtstag, dem 20. April, die Reichskriegsfahne hisste. Die Firmenfahrzeuge waren nicht zufällig schwarz-weiß-rot lackiert, in den Farben der umstrittenen Reichskriegsflagge.

Der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger Guy Hofmann erkennt in manchen, die in seiner Generation psychische oder körperlichen Leiden entwickeln, „Symptomträger“, die mit der „gewissen Gefühlsunterkühlung der Eltern“ zu kämpfen haben. „Mit diesem Schicksal bin ich nicht alleine.“ Über Krieg und Schuld zu sprechen war wichtig für Hofmann. Mit seiner Mutter oder Tante ging das nicht.

Hofmann arbeitet nun die Familiengeschichte auf. „Ich kämpfe gegen das Vergessen an“, sagt Hofmann. Gemeinsam mit einem Enkel Friedrich Ehrlichers, dem Romanistikprofessor Hanno Ehrlicher, will er für Wikipedia einen Lexikonartikel für Thomas Max erarbeiten. Beistand erhalten sie von der Historikerin Veronika Diem, die über die Freiheitsaktion Bayern promovierte. Sie hat den Aufstand am 28. April 1945 untersucht, bei dem im südbayerischen Raum 57 Menschen ihr Leben verloren. Außer Max erschossen NS-Schergen von der Grünwalder Widerstandsgruppe den französischen Kriegsgefangenen Lucien Merlin.

Ostuferspaziergang Oskar Maria Graf in Berg

Die Berger Kunsthistorikerin und Journalistin Katja Sebald, seit Jahren auf den Spuren des Bayrischen Schriftstellers unterwegs, führte eine große Schar von Mitgliedern und Freunden zu prägenden Orten Oskar Maria Grafs in unserer Nachbargemeinde Berg. Ein besonderes „Schmankerl“ war es die in Berg geborene und aufgewachsene Zeitzeugin und Mitglied Frau Dr. Täubner dabei zu haben, die häufig Ergänzungen aus ihrer Erinnerung anfügen konnte. Einiges wollte sie noch mit ihrer Schwester, der Malerin Juschi Bannaski abstimmen.

Frau Sebald versammelte uns beim Oskar Maria Graf Stüberl um uns in die Lebensgeschichte Grafs einzustimmen. Fast alle hatten das Buch „Aus dem Leben meiner Mutter“ gelesen, jedoch vieles nicht mehr so parat. Von hier aus konnte Grafs Vater den wirtschaftlichen Durchbruch erzielen, Semmeln für König Ludwig II wurden in der Backstube gebacken. Wen wundert’s, dass die Hausmadonna eine Brezel hält? Von da ging`s zum Kramerfeicht, eine Bubenfreundschaft, die half über traurige Momente besser hinwegzukommen. Nach dem Tod des Vaters hatte der überforderte älteste Bruder Max eine strenge, gelegentlich auch gewalttätige Führung des Hauses Graf übernommen. Vom verdienten Geld als Bäcker konnte Graf Weltliteratur als Reklamausgabe lesen – Ursache für Ärger mit dem Bruder. Der Blick geht weit über den See und wir fühlten uns in die Seele des jugendlichen Oskars ein und ließen die Gedanken baumeln. Bunte Herbstblätter, ein Bankerl, da fliegen die Gedanken über die Villa von Miller in Niederpöcking bis in die Neue Welt. Kompromisslos war er, hat den Leuten die Meinung gesagt, sehr unüblich in einem Dorf. Und ein Kommunist war er. Deshalb hatten die Berger so ihre Schwierigkeiten mit dem berühmten Schriftsteller. Das Denkmal steht deshalb in Aufkirchen und die Straße in Berg heißt Grafstraße nach der Familie und nicht etwa Oskar Maria Graf Straße (der Bazi). Weiter gings in Richtung Schloss, wo Frau Sebald das ehemalige Schlosscafé ausfindig gemacht hatte, das von der Gemeinde später für Bedürftige unterhalten wurde. In jener Zeit wohnten alle, die es sich leisten konnten auf dem Höhenrücken, deshalb war Grund am Abhang leichter zu haben. Katja Sebald stützte ihre Erzählungen auf passende Textpassagen und an unserem Abschiedspunkt einer leuchtenden Wiese mit altem Baumbestand waren wir vollends in die Zeit Oskar Maria Grafs entrückt. Schön wars, Berg sehen wir jetzt mit ganz anderen Augen und suchen im Regal das fast 900 Seiten umfassende Werk um wieder zu lesen.

Ursula Scriba