Dichter unter Druck

Der Ambacher Anatol Regnier hat ein Buch über Literaten in der NS-Zeit geschrieben

VON VOLKER UFERTINGER

Münsing – Natürlich konnte man es machen wie Hans Fallada. In den verhängnisvollen 1930er-Jahren, als Deutschland die Welt in Brand steckte, saß der seinerzeit berühmte Schriftsteller irgendwo in Mecklenburg, betrieb etwas Landwirtschaft und schrieb Buch um Buch. Die Politik blendete er völlig aus. In den Notizen in seinem Kalender ging es nur darum, woher der Wind kommt, wie viel Regen fällt, und was gesät wurde. Hitler, Himmler oder Goebbels kamen nicht vor.

Für Anatol Regnier, Autor aus Ambach, war genau dieser Kalender eine Offenbarung. Dokumentierte er doch den verzweifelten Versuch, unpolitisch bleiben zu wollen, in Zeiten, in denen genau das nicht möglich war. In den zwölf Jahren, die das angeblich 1000-jährige Reich dauerte, standen deutsche Schriftsteller vor einem Problem, das nicht zu umgehen war: Wie hältst du es mit den neuen Machthabern? Bleiben oder gehen? Kompromisse schließen oder Widerstand leisten? Und wenn man blieb und Kompromisse schloss: Wo war der Punkt erreicht, wo man seine Glaubwürdigkeit verlor? Regniers neues Buch „Jeder schreibt für sich allein“, erschienen bei C.H. Beck, ist eine Anspielung auf ein Fallada-Buch mit dem Titel „Jeder stirbt für sich allein“, kurz nach dem Krieg erschienenen, eine Abrechnung mit der NS-Zeit.

Vor allem geht es um Autoren, die daheim geblieben sind – außer Thomas Mann, Fixstern der damaligen deutschsprachigen Literatur. Viele von denen, die geblieben sind, haben eben deshalb einen schlechten Ruf, nur wenige werden heute noch gelesen wie Gottfried Benn (komplexer Fall) oder Erich Kästner (komplexer als viele denken). Andere sind weitgehend vergessen, wie Ina Seidl oder Börries von Münchhausen, gewiss mit Sympathien für Hitler und die deutsche Revolution, aber keine lupenreinen Nazis. Die plumpen, völkischen Dichter kommen nicht vor. Wohltuend an Regniers Buch ist, dass er kein Interesse am Moralisieren hat, sondern das Dilemma seiner Figuren ernst nimmt. Dabei hilft ihm, dass er in vielen Archiven Nachlässe gesichtet hat, etwa im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Das Buch strotzt vor Zitaten.

So entfalten sich auf gut 300 Seiten große und kleine Dramen. Die Zeit ist das Präsens, der Stil ist ruhig und klar, die Darstellung lebensnah. Der Bogen reicht von den verbissenen Machtkämpfen in der Preußischen Akademie der Künste über kleine Episoden wie die unglückliche Liebe von Ina Seidl zu einer Kirchenmalerin bis hin zu jener unseligen Nachkriegsfehde zwischen exilierten und nicht-exilierten Literaten. Auch die Familiengeschichte des Autors blitzt auf: Regniers Mutter Pamela Wedekind war 1924 bis 1928 mit Klaus Mann verlobt, der später den berühmt-berüchtigen Schlüsselroman „Mephisto“ geschrieben hat. Darin wird Gustaf Gründgens als Inbegriff eines gewissenlosen Karrieristen porträtiert. Zu Recht? Kapitel 24 gehört zu den stärksten, weil differenziertesten.

Überhaupt ist es eine große Stärke des Buchs, dass der Ambacher Autor in der Einleitung erzählt, wie er persönlich zum Thema gekommen ist. Im Haus seiner Eltern nämlich – Pamela Wedekind und Charles Regnier – wurde wenig darüber geredet, erst ein Besuch in Israel öffnete ihm die Augen. „Heute weiß ich, es hätte eine Überprüfung auch der eigenen Rollen erfordert, unbedeutend wie sie gewesen sein mag“, schreibt der Autor. Dazu muss man wissen, dass seine Mutter unter Gründgens in Berlin Theater spielte. Und er fährt fort: „Dazu waren meine Eltern nicht bereit, und wir haben sie nicht gedrängt. Vielleicht wollten sie ihre Kinder schonen. Oder sich selbst. Vielleicht hielten sie eine solche Diskussion auch einfach nicht für notwendig.“ Einen gewichtigen Beitrag zur Diskussion hat Regnier jetzt geliefert.

Das Buch: Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein.
Schriftsteller im Nationalsozialismus. C.H. Beck, 366 Seiten, 26 Euro.

Tag des offenen Denkmals am 8. September

Pocci-Kapelle in Münsing

Von Benjamin Engel

Münsing, 5.9.2019  – Jahrzehntelang ist die Kapelle an der nördlichen Seestraße beim Ammerlander Schloss schon für Besucher unzugänglich. Denn der ursprüngliche Eingang des Sakralbaus aus dem 17. Jahrhundert liegt auf dem Privatgrund der heutigen Schlossinhaber. Niemand konnte mehr hinein. Das könnte sich nun bald ändern. Spätestens 2020 rechnet die Vorsitzende des Ostuferschutzverbandes (OSV), Ursula Scriba, damit, die Kapelle weihen und für die Öffentlichkeit öffnen zu können. Dann kann jeder das prächtige Deckengewölbe im Zustand des 19. Jahrhunderts bewundern. In einen dunkelblauen Nachthimmel blickt, wer im Hauptschiff nach oben schaut. Plastisch heben sich die zahlreichen goldenen Sterne davon ab. „Im Moment habe ich ein sehr gutes Gefühl“, sagt Scriba. „Der Pfarrer unterstützt uns.“

Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 8. September, steht die Kapelle für einen ersten Eindruck bereits offen. Die OSV-Vorsitzende Scriba wird von 17 Uhr an Fragen beantworten, über die Historie der Kapelle und die Sanierungsarbeiten berichten. Hinein kommen die Besucher durch den neuen von der Straßenseite geschaffenen Eingang an der Sakristei – über eine Treppe. Denn der Boden des Baus liegt heute etwa 75 Zentimeter unterhalb des Straßenniveaus.

Nach dem fast vollständigen Verfall in den 1970er Jahren waren die Sanierungsarbeiten nur stockend vorangegangen. Das lag wohl auch an der vielfältigen Interessenslage mit vielen Beteiligten – von der Münsinger Kirchenstiftung, bis zum Erzbischöflichen Ordinariat, den Schlossbesitzern und dem Landesamt für Denkmalpflege. Umso mehr freut sich Scriba über die jetzige, tragfähige Lösung. Der OSV hatte die Sanierungen federführend betreut. „Die Kapelle sah wüst aus. Aus dem Dach des Hauptschiffs wuchs sogar ein Baum“, beschreibt dessen Vorsitzende den einst traurigen Zustand des Sakralbaus.

Glaskunst von Bernd Nestler

Die besonderen Details machen heute den Charme der denkmalgeschützten Kapelle aus. Das Motiv der Heiligen Drei Könige samt der Muttergottes Maria mit Kind und dem Stern ziert das farbkräftig leuchtende Fenster oberhalb des Altars im Osten des Innenraums. Für die den Heiligen Drei Königen geweihte Kapelle hat der Münchner Glaskünstler Bernd Nestler eine Darstellung aus dem Regensburger Dom aufgegriffen. Um sein Werk vor den Straßenverunreinigungen zu schützen, wurde ein zweites Fenster im Mauerwerk der Kapelle davor gesetzt. Darin ist das Motiv der Heiligen Drei Könige in seinen Umrissen nochmals eingeätzt. Nur noch bruchstückhaft waren auch die Seitenfenster der Kapelle mit gelben und türkisfarbenen Rauten erhalten. Nach diesem Vorbild hat eine Werkstatt aus München neue gefertigt.

Ebenso rudimentär waren auch die Überbleibsel des einstigen Hochaltars. Von den Seitenteilen existierten nur noch einzelne Bretter. Lediglich ein grob gerastertes, altes Zeitungsfoto vermittelte noch einen Eindruck vom Mittelteil. „Das Landesamt für Denkmalpflege hat sich dafür entschieden, den Hochaltar nicht mehr zu restaurieren“, sagt Scriba. Für die Tischplatte des Altars werde derzeit an einer Lösung gearbeitet.

Ein Speziallabor hatte die Farbschichten in den Innenräumen der Kapelle untersucht. Die Restauratoren von Engel & Paric aus Wessobrunn stellten den in den 1920er Jahren weiß übertünchten Sternenhimmel und damit den Zustand aus dem 19. Jahrhundert wieder her. Laut Scirba soll das Fresko dank ausgeklügelter LED-Beleuchtung noch plastischer wirken. „Man meint, die Sterne kommen auf einen zu. Die farbige Decke tritt in den Hintergrund“, beschreibt Scriba die neue Raumwirkung. Damit die Proportionen der Kapelle gefälliger wirken, wurde der Wandsockel farblich abgesetzt. Die Restauratoren ergänzten den durch Salze aus dem nahen Straßenverkehr lädierten Natursteinboden teilweise.

Ursprünglich hatte der Wittelsbacher Fürstbischof Albrecht Sigmund die Kapelle zwischen 1683 und 1685 etwa zeitgleich mit dem neuen Schloss am Ostufer des Starnberger Sees errichten lassen. Der Sakralbau war von damals bis heute im Besitz der Kirchenstiftung Münsing. Die Sakristei wurde 1728 nördlich an die Kapelle angebaut. Im Inneren ist noch ein alter Zierfries erhalten.

Schlossbesitzer Pocci pflegten die Kapelle

Bis in die 1930er Jahre sollen die späteren Schlossbesitzer der Familie von Pocci die Kapelle gepflegt und dort Gottesdienste organisiert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg verkauften die Poccis das Schloss. Die Besitzer wechselten. Die Räume und auch die Kapelle verfielen. Für deren Erhalt hatten der Ammerlander Freiherr Dietrich von Laßberg und der OSV im Jahr 1981 eine Rettungsaktion begonnen und Spenden gesammelt. 1986 hatte das Erzbischöfliche Ordinariat München und Freising mit der Sanierung begonnen. Die Räume wurden entfeuchtet. Die Kapelle bekam einen neuen Dachstuhl. Doch dann stockten die Arbeiten wieder.

Problematisch blieb der Zugang zur Kapelle. Neue Eigentümer sanierten von 1988 bis 1992 das benachbarte Schloss. Damit war die ursprüngliche Eingangstür von der Nordseite nicht mehr erreichbar, weil sie in dessen Garten liegt. Um neue Zugangsmöglichkeiten wurde lange gerungen. Erst viel später stimmte das Erzbischöfliche Ordinariat zu, eine Tür auf der Straßenseite einzurichten. Über vier Stufen geht es künftig dahinter in die Sakristei hinunter und von dort in die Kapelle. Der Ammerlander Schreiner Josef Wagner fertigt die Holztreppe an.

Für den ersten Bauabschnitt ist laut Scriba mit Kosten von 100000 Euro zu rechnen. Finanziell unterstützen die Kommune Münsing, das Tölzer Landratsamt, der Bezirk Oberbayern und das Landesamt für Denkmalpflege die Sanierungsarbeiten. Zusätzliche Spendengelder flossen. Die Messerschmidt-Stiftung hat beispielsweise mit 22000 Euro die neuen Fenster finanziert. Für die Kapellenbänke hat der OSV die Meitinger Stiftung als Sponsor gewonnen.

Über die Unterstützung freut sich die OSV-Vorsitzende Scriba. Sie ist zuversichtlich, dass die Kapelle von 2020 endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird.

Mein Dank gilt den Helfern dieser Veranstaltung:

  • Manfred Stecher für die Beratung von potenziellen Spendern
  • Josef Wagner für die Präsentation der neuen Treppenplanung und den Holzmustern
  • Regina Wagner für die Vorbereitung des Raumes
  • Bernd Nestler für die Präsentation und Erläuterung unseres Vorgehens zu den künstlerisch gestalteten Gläsern, besonders des Altarfensters.
  • Maria Mannes  für die Chance des OSV sein großes ehrenamtliches Projekt auf einer bundesweiten Liste präsentieren zu dürfen.

Sobald wir einen entscheidenden Schritt weiter sind, werden wir die Mitglieder in die Kapelle wieder einladen. Bitte denken Sie daran, dass wir gerade jetzt dringend auf Spenden angewiesen sind und unterstützen Sie uns.
Ursula Scriba
Die IBAN lautet: DE12 7005 4306 0011 7217 50. Herzlichen Dank.

Einladung zum Tag des Offenen Denkmals am 08.09.2019

Schlosskapelle Ammerland, Münsing, nördliche Seestraße 11
um 17 Uhr zu Führung und Vortrag
mit Ursula Scriba, Manfred Stecher, Josef Wagner und Bernd Nestler.

Auf Einladung unseres Ehrenmitglieds und Kreisheimatpflegerin Maria Mannes und mit Zustimmung von Pfarrer Kirchbichler für die Kirchenstiftung Münsing öffnet der OSV dieses Jahr die Tür der Kapelle zu einer Einführung in die Geschichte und Restaurierungsgeschichte der Filialkirche Ammerland Heilige Drei Könige.

Dies ist der richtige Moment, um mich bei allen bisherig Beteiligten zu bedanken:

An erster Stelle steht das Vertrauen der Eigentümer Herrn Pfarrer Kirchbichler und der Kirchenstiftung Münsing in den OSV für eine professionelle Sanierung und Restaurierung der denkmalgeschützten Kapelle aus dem Jahr 1685. Kreisheimatpflegerin Maria Mannes danken wir für die fürsorgliche Unterstützung all die Jahre bis jetzt.

Baronin Christa von Laßberg (mit Familie) und Annabel von Boetticher gilt unser Dank für die engagierte Unterstützung besonders in der Startphase des Projekts 2007. Freundliche, zugewandte Offenheit und Hilfe für alle Nöte spendeten die Nachbarn und Schlossbesitzer Werner Döttinger und Herr Nickl.

Früherer 2. Vorstand Klaus Reid hat ehrenamtlich die Statik untersucht und geprüft, sowie die ersten baumeisterlichen Schritte unternommen. Manfred Stecher, unser Klassier, hat all die Jahre zuverlässig die Finanzen betreut, auch in Feinabstimmungen mit der Kirche und den vielen, vielen Spenden, die über die Jahre eingetroffen sind. Herr Fritz Noppes, Träger des Gabriel-von-Max-Denkmalpreises, brachte sein Wissen zu Restaurierungen immer wieder ein. Herr Prof. Johannes Umbreit hat mit seinen musikalischen Begleitern viele Benefizkonzerte ausgerichtet, die alle in ihrer phantasievollen Einmaligkeit unvergesslich sind. Im Jahr 2018 haben David Greiner mit Marina Cesarale, Rom feingestimmte vier biblische Lieder vorgetragen und beim vorläufig letzten Konzert Herr Prof. Edgar Krapp und Prof. Markus Bellheim ein vierhändiges Sternstundenkonzert gegeben. Elisabeth Biron und Maria Mannes standen immer zur Verfügung zur konzeptionellen und künstlerischen Beratung. Wir genossen jederzeit die fachliche Begleitung des Erzbischöflichen Ordinariats, des Landesamtes für Denkmalpflege, sowie des Unteren Denkmalschutzes am Landratsamt Bad-Tölz Wolfratshausen.

Spenden erhielten wir dankenswerterweise vom Landkreis, vom Bezirk, vom Landesamt für Denkmalpflege, der Messerschmitt Stiftung, dem Legat Irmingard Haussmann, der Meitinger Stiftung und vielen, vielen Freunden der Schlosskapelle.

Folgende örtliche Firmen brachten sich ein: Schreinerei Will, Fa. Krämmel, Fa. Graf, Fa. Zündorff, Schreinerei Josef Wagner, Ammerland-Seestraße, die Mayersche Hofkunstanstalt, die Restauratoren Engel und Paric sowie Glaskünstler Bernd Nestler.

Wir freuen uns auf Sie und wollen aus der Geschichte der fürstbischöflichen Kapelle und unserer Arbeit berichten.

Holzhauser Musiktage 2019

Was alle Konzerte verbindet, seien sie gespielt von arrivierten oder aufstrebenden Musikern, szenisch oder konzertant, solistisch oder im Ensemble, ist die ungezwungene Atmosphäre, mit der Musik hier erfahrbar wird. Es ist diese Leichtigkeit, welche die Holzhauser Musiktage auch in diesem Jahr zu einem außergewöhnlichen Festival werden lässt.
– Süddeutsche Zeitung 29.4.2019

Am 6. Juli beginnen die Holzhauser Musiktage 2019.

International gefeierte, junge Stars der Klassikszene wie die Geigerin Veronika Eberle, der Pianist

Nikolai Lugansky, die Sopranistin Nikola Hillebrand, der Cellist Maximilian Hornung uvm.

kommen Mitte Juli ans Ostufer des Starnberger Sees und spielen Konzerte in Scheunen und Reithallen.

Neuer Partner der Holzhauser Musiktage ist ab diesem Jahr BR Klassik. Der Rundfunksender wird zwei Konzerte aufzeichnen und widmet dem Festival am 29.7. eine dreistündige Sendung zur Prime Time um 20 Uhr.

Fünf Konzerte bieten die Holzhauser Musiktage dieses Jahr wieder in ihren charmanten Konzertsälen an: In der Reithalle des Gut Ried in Ammerland fliegen Nikolai Luganskys Hände über die Tasten und in Münsing verwandelt Nikola Hillebrand die Tenne des Loth Hof in eine Opernbühne. Nikola Hillebrand, Gewinnerin des internationalen Wettbewerbs Das Lied, ist in Berg am Starnberger See aufgewachsen und singt inzwischen an den besten Opernhäusern Europas.

Maximilian Hornung & Friends tauchen mit Tchaikovskys berühmten Streichsextett „Souvenir de Florence“ in italienisches Sommerflair ein, während Veronika Eberle, Julian Steckel und William Youn das leidenschaftliche Klaviertrio in a-moll „à la memoire d’un grand artiste“ von Tchaikovsky zum besten geben.

Das Andenken an den großen Künstler aus Ambach, den Geiger und Pädagogen Dénes Zsigmondy, tragen die Holzhauser Musiktage mit dem Angebot von zwei Meisterkursen weiter.

Tickets und weitere Infos auf www.holzhauser-musiktage.de


Konzerte 2019

NIKOLA HILLEBRAND & FRIENDS. Opéra Miniature
6. Juli, 20 Uhr, Loth Hof Tenne Münsing 
Die gefeierte Sopranistin Nikola Hillebrand gestaltet mit Freunden einen amüsanten Abend mit Liedern und Arien von F. Schubert und W.A. Mozart

EBERLE – STECKEL – YOUN. Klaviertrio
12. Juli, 20 Uhr – Loth Hof Tenne Münsing 
Klaviertrio Rezital mit Veronika Eberle, Julian Steckel und William Youn
Werke von Rachmaninov, Debussy, Tchaikovsky u. Messiaen


ENTRE AMIS – Maximilian Hornung & Friends
17. Juli, 20 Uhr  – Loth Hof Tenne Münsing
Streichsextette von J. Brahms und Tchaikovsky „Souvenir de Florence“

NIKOLAI LUGANSKY . Piano Solo
20. Juli, 19.00 Uhr – Gut Ried Ammerland
Der international konzertierende Pianist lässt die Finger über die Tasten fliegen!


JUNGE TALENTE – STARS VON MORGEN
21. Juli, 19 Uhr –  Gut Ried Ammerland
Die Meisterschüler für Violine und Gesang stellen sich in einem gemischten Programm vor

Stell dir vor, wir hätten was zu rauchen

Nachkrieg und Fünfzigerjahre in der BRD

mit Julia von Miller – Anatol Regnier – Frederic Hollay  

Donnerstag, 16.Mai, 20 Uhr in Münsing
Pizzeria Pinocchio, Einlass 18:30 Uhr

Aus Mauerresten wuchsen Blumen, die Welt war wieder offen, man durfte wieder träumen. Aber konnte man unbeschwert weitermachen, nach Leid, Vertreibung, Verbrechen?

 Das neue Programm des Münchner Erfolgstrios Julia von Miller, Anatol Regnier und Frederic Hollay verschweigt die Brüche nicht, aber balanciert sie aus mit tollen Liedern, geschliffenen Texten und schwungvollem Klavierspiel. 

Eine Zeitreise der besonderen Art! Sie werden inspiriert nach Hause gehen!

Eintritt 12 €, bitte kurze schriftliche Kartenbestellung an diese mail-Adresse:  ak-kultur-osv@web.de

Architektur mit Aura

„Häuser erzählen Geschichten“

Von Benjamin Engel, Wolfratshauser SZ, 29. November 2018

Münsing – „Oberambach hatte immer eine besondere Aura“, sagt die Künstlerin Ulrike Weihe, als sie im Café des heutigen Bio-Hotels bei Holzhausen sitzt. Früher war das der Salon ihres Großonkels Eberhard von Kleydorff, der dort bis zu seinem Tod 1987 lebte. Im Raum an der Südseite des Hauses hoch über dem Starnberger See kann sich die 73-jährige Künstlerin noch genau an den Elsässer Schrank und den großen Eichentisch erinnern. Daran saß etwa der marokkanische König, um über politische Fragen zu diskutieren. Genauso lud der Baron Künstler in sein Haus, auch aus dem Kreis des „Blauen Reiter“, wie Wassily Kandinsky. Eberhard von Kleydorff hatte selbst Malerei an der Berliner Akademie studiert und war an neuen kulturellen Ideen interessiert.

Dass der intellektuelle Gedankenaustausch gerade in Oberambach so gepflegt wurde, hängt für Weihe auch mit der Architektur zusammen. Das an das Anwesen angebaute Herrenhaus sei nach den Prinzipien der Geomantie errichtet worden. Diese Lehre soll helfen, den energetisch idealen Platz für ein Haus zu finden. Weihe erklärt, das Gebäude sei so ausgerichtet, dass immer Sonnenlicht in die Innenräume falle. So sei ein geistig anregender Ort der Harmonie zwischen den Menschen entstanden.
Im Jahr 1907 hatte der Karlsruher Oberstleutnant Hans Ebers den Tutzinger Baumeister Xaver Knittl mit den Arbeiten beauftragt. Dessen Familie hatte in der Prinzregentenzeit eines der größten Baugeschäfte in der Region. Vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte Knittl mehr als 350 Mitarbeiter. Er realisierte mehr als 250 Bauprojekte, darunter allein auf Münsinger Flur das Schlossgut in Oberambach, das Seeheim oder das inzwischen abgerissene Ammerlander Gasthaus Hubertus. Zum Markenzeichen seiner Villen und Landhäuser entwickelte er den „Knittl-Stil“ mit aufwendigem Zierfachwerk.

Als Nachfahrin Stefanie Knittl 2012 den denkmalgeschützten Stammsitz der Familie sanierte, begann sie, die 115-jährige Unternehmensgeschichte zu erforschen und veröffentlichte darüber ein Buch. Im Alten Schulhaus in Holzhausen wird sie ihre Publikation an diesem Freitag vorstellen. Der Ostuferschutzverband hat die Autorin eingeladen. Knittl sagt, sie wolle das Wissen um den Wert der historischen Villenkultur am Starnberger See der Öffentlichkeit wieder bewusst machen. Es mache sie traurig, wie viele der schönen alten Häuser schon verschwunden seien, sagt sie. Deshalb setzt sie sich für den Erhalt dieser besonderen Architektur ein.

In Oberambach freut sich Weihe, dass die Hoteliersfamilie Schwabe die ursprüngliche Bausubstanz nahezu unverändert erhalten hat. Die Einbauten und das Parkett im Salon sind original. Und noch immer faszinieren sie die Führung der Wendeltreppe oder die Stuckornamente an der Decke genauso wie vor Jahrzehnten. Zwischen 1978 und 1986 hatte sie selbst gemeinsam mit ihrem Großonkel in Oberambach gewohnt. Damals existierte noch die alte Bibliothek mit Originalausgaben von Dante, Novalis oder Goethe. Mit ihrem Großonkel diskutierte Weihe über Literatur und Musik, organisierte jeden Herbst selbst kulturelle Veranstaltungen im Haus.

In den Familienbesitz kam es 1919. Damals hatte der Düsseldorfer Generalkonsul Otto Heye das Gut seiner Tochter Angelika zur Existenzgründung gekauft. Sie war mit Baron von Kleydorff verheiratet.

Weihe sagt, ohne die besondere Energie in Oberambach hätte sie ihren künstlerischen Weg kaum gehen können. Sie studierte Grafikdesign und Malerei an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Unter anderem war sie Schülerin bei Joseph Beuys. In ihrem Werk hat sich die heutige Starnbergerin damit beschäftigt, Klang und Bild zu verbinden – und das etwa mit Mitteln des Films umgesetzt. An die Zeit in Oberambach, mit Kutschfahrten durch die verschneite Winterlandschaft, denkt Weihe gerne zurück. „Hier war so eine Lebendigkeit“, sagt sie.

Lesung von Stefanie Knittl aus dem Buch „Häuser erzählen Geschichten“: Freitag, 30. November, 19 Uhr, Altes Schulhaus Holzhausen, organisiert vom Ostuferschutzverband

Häuser erzählen Geschichten

Ein neues Buch über die Tutzinger Baumeisterfamilie Knittl und historische Bauten am Starnberger See

Vor drei Jahren stieß eine Ausstellung im Ortsmuseum in Tutzing unter dem Titel: „Knittl, Baumeister, Tutzing – Häuser und Villen am Starnberger See“ auf großes Interesse. Die Kuratorin Stefanie Knittl veröffentlicht nun ein mit Zeitdokumenten und Fotografien ausgestattetes Buch über die Baumeisterfamilie Knittl (1872-1987), ihre Häuser und Villen sowie über die Menschen, die in ihnen wohnten. In den beiden Tutzinger Buchhandlungen ist das Buch bereits erhältlich.

Stefanie Knittl dokumentiert auf 300 Seiten mit 345 Abbildungen das historische Bauen am Beispiel von mehr als 200 Häusern. Erzählt wird Orts-, Regional- und Architekturgeschichte, aber vor allem die Geschichte des Wohnens und Lebens am Starnberger See über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert. Die Baumeisterfamilie war verzweigt, so dass Bauten nicht nur in Tutzing entstanden, sondern auch in Feldafing, Seeshaupt, Pöcking, Bernried, dem Ostufer und anderen Schauplätzen im Voralpenland.

„Wichtig war mir, Einblick in das gesellschaftliche Leben zu geben und die Hintergründe aufzuzeigen, warum man heute anders baut und ein altes Haus nicht einfach nachgebaut werden kann“, erklärt Stefanie Knittl. Darüber, wie die veränderten Bedürfnisse der Gesellschaft die Architektur verändert haben, und wie Erfolg und Ende des einst größten Baugeschäfts am Starnberger See verlaufen sind, erfahren Sie in einem interessant gestaltetem Buch, das viele persönliche und zwischenmenschliche Blickwinkel aufzeigt und die noch vielen „kleinen“, bisher eher unbekannten Geschichten der Bewohner dieser Häuser erzählen. In diesem Sinne kein klassisches Heimatbuch.

Erhältlich ist das Buch für 39,80 Euro in den  Tutzinger Buchhandlungen sowie nach Bestellung auf www.villaknittl.de.
und jetzt auch bei „Mein lieber Schwan“, Hauptstraße 6 in Münsing


Das Erbe der Baumeister

Von Katja Sebald, Starnberger SZ vom 19. Juli 2018

Tutzing – „Entweder ich verkaufe jetzt alles oder ich mache was draus“, dachte Stefanie Knittl, nachdem sie ein altes baufälliges Haus an der Tutzinger Hauptstraße, dazu ein großes Grundstück und mehr als ein Jahrhundert Familiengeschichte geerbt hatte. Die 50-Jährige ist die letzte in der Ahnenreihe der Baumeisterfamilie Knittl: Ihre Vorfahren betrieben einst das größte Baugeschäft weit und breit, sie haben unzählige Häuser und Villen gebaut und damit die Architekturlandschaft rund um den Starnberger See nachhaltig geprägt. Sie selbst hat sich am Ende entschieden, etwas aus ihrem Erbe zu machen: 2012 sanierte sie mit großem Aufwand das denkmalgeschützte Stammhaus der Firma Knittl und dokumentierte anschließend die Firmen- und Familiengeschichte.

Im Jahr 1864 hatte Herzog Ludwig in Bayern, Sisis ältester Bruder, den Tiroler Maurergesellen Josef Knittl nach Garatshausen geholt. Jahre lang beschäftigte er ihn beim Umbau des Schlosses, bis sich Knittl 1872 selbständig machte und eine Tutzinger Fischertochter heiratete. Damit begann die Geschichte der Baumeisterdynastie Knittl. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie erlebte Tutzing einen wahren Bauboom, der Firmengründer hatte viel zu tun: Prägnante Bauten wie die Villa Trutz und die Villa Thudichum in Tutzing oder die Villa Reber in Pöcking entstanden, aber auch viele kleine Handwerkerhäuser. In der zweiten Generation wuchs die Firma in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf 350 Mitarbeiter an. Xaver Knittl war in der Prinzregentenzeit der „Platzhirsch“ unter den Baumeistern rund um den See. Er realisierte mehr als 250 Bauprojekte, darunter das Tutzinger Kloster, die Grundschule, das Rathaus und beide Kirchen. Für die von ihm gebauten Villen und Landhäuser entwickelte er den typischen „Knittl-Stil“ mit aufwendigem Zierfachwerk. Sein jüngerer Bruder Engelbert hatte in Feldafing das Baugeschäft von Johann Biersack übernommen, wo er nun ebenfalls an Villenbauten beteiligt war und unter anderem die mittlerweile denkmalgeschützte Badeanstalt entwarf. In der dritten Generation führte Carl Knittl das Tutzinger Baugeschäft bis in die 1950er Jahre. Unter Karl Xaver Knittl, Vater von Stefanie Knittl, endete 1987 die Baumeistertradition: Zuletzt konnte er – wie viele andere Handwerksbetriebe – dem Wettbewerbsdruck durch Billiganbieter nicht mehr standhalten.

Für Stefanie Knittl, die den geschäftlichen Überlebenskampf ihrer Eltern hautnah erlebt hatte, stellte sich nie die Frage, ob sie das Familienunternehmen übernehmen sollte. Sie absolvierte ein Ingenieurstudium, studierte dann Politik. Heute ist sie Berufsschullehrerin in München und unterrichtet unter anderem Sozialkunde. Ihre Familiengeschichte, aber auch die Geschichte des Bauens und Wohnens am Starnberger See interessiert sie vor allem unter soziologischen Gesichtspunkten: „Mich fasziniert der Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft“, sagt sie, „das Denken im Bau hat sich komplett verändert und damit auch das Verhältnis der Menschen zu ihren Häusern.“ Fortschrittsgläubigkeit, gesetzliche Vorgaben sowie wirtschaftliche Aspekte lassen nurmehr standardisierte, seelenlose Bauten statt individueller Häuser entstehen. Ein Haus wie das ihrer Familie könne man heutzutage nicht mehr bauen. Seit Jahren setzt sie sich deshalb für Denkmalschutz und den Erhalt alter Bausubstanz ein.

Bei der Sanierung ihres Elternhauses stieß sie auf handgeschriebene Betriebsbücher, historische Dokumente und Fotografien, aus denen sie 2016 eine Ausstellung im Tutzinger Ortsmuseum zusammenstellte. Viele Stunden hatte sie schon damals über alten Plänen im Staatsarchiv verbracht. Jetzt entstand aus ihrer Forschungsarbeit ein Buch, in dem sie auf 300 Seiten die von der Baumeisterfamilie Knittl in 115 Jahren Firmengeschichte realisierten Projekte nahezu lückenlos dokumentiert: Landhäuser, Villen, Wohn- und Geschäftshäuser, Hotels, Gastwirtschaften, landwirtschaftliche Gebäude, Brücken und Mauern, nicht nur Tutzing, Feldafing, Garatshausen und Pöcking, sondern auch in Starnberg, Bernried, Seeshaupt, am Ostufer und in den Voralpen. Das Buch erzählt aber auch von Erfolg und Ende einer typischen Handwerkerfamilie am Starnberger See. Und nicht zuletzt erzählt es die „kleinen Geschichten“, wie Knittl sagt: Von Maurern, die 50 Jahre lang in der Firma beschäftigt waren und fast zur Familie gehörten. Von Krankheit und Tod, Heiraten und Kinderkriegen, Sparen und auch vom Scheitern: Diese Geschichten machen das Buch zu einem eindringlichen Stück Orts- und Regionalgeschichte.

Gabriel von Max und seine „Faust“-Bilder

Montag, 30. April 2018, Isar-Loisachbote
von VOLKER UFERTINGER

Münsing/München – München huldigt dem „Faust“. Noch bis Juli läuft ein Festival, wie es die Stadt noch nicht gesehen hat. Im Mittelpunkt: Goethes großes Drama, das wohl wichtigste oder zumindest bekannteste Werk der deutschen Literatur. In einer unüberschaubaren Anzahl an Veranstaltungen wird der Gelehrte, der sich dem Teufel verschreibt, als Prototyp des modernen Menschen dargestellt, unruhig, getrieben, rastlos. Die Ausstellung „Du bist Faust!“ in der Kunsthalle München an der Theatinerstraße zeigt, wie der „Faust“ Eingang in die bildende Kunst gefunden hat. Drei der ausgestellten Bilder stammen von Gabriel von Max: „Mephisto in Fausts Kleidern“ (1869), „Gretchen in der Walpurgisnacht“ (um 1875) und „Die Kindsmörderin“ (1877). Sie wurden aus ganz Deutschland zusammengetragen.

Gabriel von Max ist das, was man eine schillernde Figur nennt. Er malte Bilder, die die Zeitgenossen elektrisierten, etwa die „Märtyerin am Kreuz“ von 1867, das wohl bekannteste Beispiel seiner berühmten „Seelenmalerei“. Er war ein früher Anhänger Darwins und von dessen umkämpfter Evolutionstheorie und hatte Riesenerfolge mit Affenbildern. Das Geld, das er damit erwirtschaftete, steckte er in eine 60 000 Objekte umfassende Sammlung, vor allem bestehend aus prähistorischen Tier-Schädeln. Und: Ab etwa 1900 wohnte er am Starnberger See, in jener 1871 errichteten Villa, die seit vielen Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

Zeit seines Lebens war Gabriel von Max bekennender Verehrer des Weimarer Dichters. „Ich bewundere Göthes okkultistisches Wissen, seine Geschicklichkeit im Schreiben und im Innern anders zu denken, seine Keckheit und Missachtung der Leute. Poetisch zu sein traf er auch“, schreibt er einmal. Eine besondere Stellung nahm für den gebürtigen Prager – wie für fast alle Zeitgenossen – der „Faust“ ein, vor allem der 1808 erschienene erste Teil der Tragödie. Ende der 1860er Jahre erhielt Gabriel von Max den Auftrag, eine Prachtausgabe zu illustrieren, wie sie für die damalige Zeit typisch war. Doch die – insgesamt 60 – Zeichnungen, die er anfertigte, waren dem Berliner Verleger Grote nicht prächtig genug. Zu wenig Pomp, zu wenig vaterländisch, zu wenige historische Details: Das waren die Einwände gegen die Illustrationen des eigenwilligen Künstlers. Das Projekt zerschlug sich.

Immerhin gingen aus diesen Arbeiten teilweise jene Bilder hervor, die heute in München zu sehen, besser: zu bewundern sind. Da wäre einmal das Bild „Mephisto in Fausts Mantel“ von 1869. Es zeigt, wie Teufel und Faust zu einer Figur verschmelzen. „Die linke Hand liegt, vom Umhang befreit, ruhig auf dem Schoß, während die rechte sich, zur Kralle geformt, unter dem Mantel hervorschiebt und dabei ein Stück des roten Ärmels sichtbar werden lässt“, heißt es im Ausstellungskatalog. Faust hat längst eine doppelte Identität. Die Tragödie kann ihren Lauf nehmen.

Ebenso sehr wie der Faust beschäftigte den Maler dessen blutjunge Geliebte, das berühmte Gretchen. Bekanntlich bringt sie, von Faust verlassen, das gemeinsame Kind um und wird dafür zum Tode verurteilt wird – ein Schicksal, das damals häufig vorkam und das die Generation Goethes entsetzte. Das Bild „Gretchen in der Walpurgisnacht“ (um 1875) zeigt die Vision, die Faust während eines Hexensabbats in der Nacht auf den 1. Mai von seiner Ex-Geliebten hat. Geisterhaft starr schaut sie aus, eine kleine Flamme auf dem Kopf, die Raben neben ihr verstärken die düstere Stimmung.

Allgemeiner gehalten ist der Titel des Bildes „Die Kindsmörderin“ (1875). Es zeigt eine Frau in einer extrem seelischen Notlage, die verzweifelt und voller Liebe das von ihr soeben getötete Kind küsst. Genau dies ist der Fall von Gretchen – und der Kern der „Gretchentragödie“.

Vergleicht man von Max’ Illustrationen mit denen vieler Zeitgenossen, fällt auf, wie wenig er mit nationalistischem Pomp anfangen konnte. Nach der vorherrschenden Lesart war der „Faust“ ein Beweis dafür, dass die Deutschen anderen Nationen ebenbürtig, wenn nicht überlegen sind. Da machte Gabriel von Max nicht mit. Auch in dieser Hinsicht war der Wahl-Ammerlander ein eigenwilliger Mann.

Infos:

Die Ausstellung in der Kunsthalle dauert noch bis 29. Juli. Ein Aufsatz über Gabriel von Max und seine Faustillustrationen bietet der Ausstellungskatalog des Lenbachhauses „Gabriel von Max: Malerstar, Darwinist, Spiritist“ (2010). Infos zum Faustfestival im Internet unter www.faust.muenchen.de

Ehrenpreise made in Münsing

VON VOLKER UFERTINGER, Isar Loisachbote vom 24. Februar 2018

Der Ammerlander Künstler Ernst Grünwald ist ein gefragter Bildhauer. Zum Broterwerb fertigt er auch Ehrenpreise an. Diese hübschen, kleinen Auftragswerke haben schon die verschiedensten Leute bekommen. Etwa der berühmte Basketballer Dirk Nowitzki.

Münsing – Der neueste Ehrenpreis aus der Werkstatt von Ernst Grünwald – der Kulturpreis der Stadt Geretsried für Werner Sebb – trägt den schönen Namen „Dialog“. Auf einer Bank sitzt links eine lesende Frau, rechts macht ein Akrobat einen Handstand, beide im Gleichgewicht. Wie er auf die Idee gekommen ist? „Ich wusste ja nicht, ob die Auszeichnung an eine Frau oder einen Mann geht“, erzählt er. „Also kommen beide Geschlechter vor.“ Eine Schwäche für Akrobaten hat er ohnehin. Der Rest war künstlerische Freiheit.

Kulturpreis der Stadt Geretsried

Auftragsarbeiten wie der „Dialog“ spielen für Künstler wie Grünwald (61) eine wichtige Rolle. „Sie dienen schlicht und einfach dem Broterwerb“, sagt er. Während man bei Ausstellungen nie vorhersagen kann, ob sich ein Käufer findet, landet in diesem Fall das Geld verlässlich auf dem Konto. Wobei die Arbeit nach bestimmten Wünschen eine ganz andere ist. „Wenn ich mir sonst ein Werk vornehme, horche ich mich hinein“, sagt Grünwald. „Bei Auftragsarbeiten horche ich eher anderen zu.“

So zum Beispiel bei einem Werk aus dem Jahr 2007, dem „goldenen Waigel.“ Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hatte den Preis für den größten deutschen Steuerzahler ausgelobt und nach dem ehemaligen Bundesfinanzminister benannt. Der Auftrag ging an Grünwald. „Gott sei Dank ist Herr Waigel ein Mann mit markantem Äußeren“, erinnert er sich. So war es leicht, eine wiedererkennbare Figur in der Größe von 22 Zentimetern anzufertigen, die über zwei mächtige Augenbrauen und einen Aktenkoffer verfügt.

Auch Sporttrophäen stammen aus der Werkstatt am Riedweg in Ammerland. So zählte Grünwald jahrelang den Internationalen Basketballverband FIBA zu seinen Kunden. Der in der Schweiz ansässige Verband orderte die Auszeichnungen „Young Player“, „Womens Player“ sowie „Player of the Year“. Der gebürtige Münchner hat sie alle aus Bronze und sehr dynamisch bei der Ausübung ihrer Sportart gestaltet. Einer der Preisträger: Dirk Nowitzki, der wohl berühmteste Basketballer der Welt. Wer weiß, vielleicht hat die kleine Skulptur aus Bronze in der Villa von Nowitzki in Dallas einen Ehrenplatz.

Doch es müssen nicht immer die ganz großen Namen sein. So hat der Künstler, zugleich Dritter Bürgermeister der Gemeinde, auch den Münsinger „Energiewende-Cup“, den „Lupus-Cup“ für den Golfclub Wolfrathausen und die Bürgermedaille für die Gemeinde Krailling kreiert. Alle zwei Jahre verleiht außerdem die Evangelische Akademie Tutzing einen Preis für Nachwuchskünstler. Sein Name: „Phönix“, das sprichwörtliche Tier erhebt sich in der Darstellung von Ernst Grünwald soeben aus der Asche in die Lüfte. Das Material: Messing – also ausnahmsweise nicht das vom Künstler geliebte Bronze.

Besonders wichtig findet Grünwald den Gabriel-von-Max-Denkmal-Preis. Damit wird in Münsing ein Stück lokale Kulturpolitik gemacht. Denn: Mit der Auszeichnung prämiert der Ostuferschutzverband jedes Jahr ein Positivbeispiel in Sachen Denkmalschutz. Das hat durchaus seinen Sinn, denn die Villa Max in Ammerland, das einstige Domizil des Malers, Spiritisten und Darwinisten Gabriel von Max, ist ein abschreckendes Negativbeispiel. Sie verfällt, ohne dass die Eigentümerin auch nur das Geringste dagegen unternimmt. Grünwald hat sich von der Tatsache inspirieren lassen, dass das Lieblingstier des Malers der Affe war. So kommt es, dass die vorbildlichen Denkmalschützer des Ostufers jetzt zur Feierstunde ein solches Tier aus Bronze verliehen bekommen. Der Affe sitzt auf einer Säule, hält eine Miniaturausgabe der Villa im Schoß und grübelt offensichtlich vor sich hin. Worüber? Die Evolution? Den Lauf der Zeit? Den mangelnden Respekt vor Denkmälern? Da kann sich jeder seinen eigenen Reim machen. Wie immer bei der Kunst.

Was mit seinen Ehrenpreisen nach der Verleihung passiert, erfährt Grünwald selten. Dass sich jemand meldet, um sich zu bedanken oder über die Botschaft des Kunstwerks zu philosophieren, passiert praktisch nie. Grünwald hat nur einen Wunsch. „Es wäre schön, wenn sie nicht in irgendeiner Schublade verschwinden.“ Wer sie kennt, kann nur sagen: Wäre wirklich jammerschade drum.