Amrei Sell, Ein Malerleben zwischen Phantasie und Realismus

Einladung zur Ausstellung
im Marstall am See,
Mühlgasse 7, 82335 Berg
vom 28. April bis 9. Mai 2018
jeden Tag von 14 – 18 Uhr

Vernissage am 27. April 2018 um 16 Uhr

„Auf viele Jahre eines glücklichen Malerlebens“ blickt die 1946 in Isny im Allgäu geborene Künstlerin Amrei Sell zurück, die jetzt am Staffelsee lebt. Das verbindende Element dieses Lebens ist die Freude am Malen und an der ihr eigenen Palette von starken Farben, die ein positives Lebensgefühl vermitteln. Ihr Weg führte sie vom Realismus der 1970-er Jahre über phantasievolle Seidenmalerei bis zur Auflösung der Farben und Formen in Lichtpunkte
und zur Erschaffung rein abstrakter Farbwelten. So kann der  Ausstellungsbesucher im Marstall die Stationen einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit nachvollziehen.
Nach dem Studium der Freien Malerei, Kunstgeschichte und Buchgestaltung von 1965 bis 1970 an den Kunstakademien Braunschweig, Hamburg und München war Amrei seit 1970 parallel als freie Malerin und unter ihrem Ehenamen Amrei Fechner als Kinderbuchillustratorin international tätig. Aufgewachsen in einem der Kunst sehr aufgeschlossenen Elternhaus hatte sie sich schon sehr früh für die Malerei als Beruf entschieden. Und der Erfolg gab ihr recht.

 

Ehrenpreise made in Münsing

VON VOLKER UFERTINGER, Isar Loisachbote vom 24. Februar 2018

Der Ammerlander Künstler Ernst Grünwald ist ein gefragter Bildhauer. Zum Broterwerb fertigt er auch Ehrenpreise an. Diese hübschen, kleinen Auftragswerke haben schon die verschiedensten Leute bekommen. Etwa der berühmte Basketballer Dirk Nowitzki.

Münsing – Der neueste Ehrenpreis aus der Werkstatt von Ernst Grünwald – der Kulturpreis der Stadt Geretsried für Werner Sebb – trägt den schönen Namen „Dialog“. Auf einer Bank sitzt links eine lesende Frau, rechts macht ein Akrobat einen Handstand, beide im Gleichgewicht. Wie er auf die Idee gekommen ist? „Ich wusste ja nicht, ob die Auszeichnung an eine Frau oder einen Mann geht“, erzählt er. „Also kommen beide Geschlechter vor.“ Eine Schwäche für Akrobaten hat er ohnehin. Der Rest war künstlerische Freiheit.

Kulturpreis der Stadt Geretsried

Auftragsarbeiten wie der „Dialog“ spielen für Künstler wie Grünwald (61) eine wichtige Rolle. „Sie dienen schlicht und einfach dem Broterwerb“, sagt er. Während man bei Ausstellungen nie vorhersagen kann, ob sich ein Käufer findet, landet in diesem Fall das Geld verlässlich auf dem Konto. Wobei die Arbeit nach bestimmten Wünschen eine ganz andere ist. „Wenn ich mir sonst ein Werk vornehme, horche ich mich hinein“, sagt Grünwald. „Bei Auftragsarbeiten horche ich eher anderen zu.“

So zum Beispiel bei einem Werk aus dem Jahr 2007, dem „goldenen Waigel.“ Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hatte den Preis für den größten deutschen Steuerzahler ausgelobt und nach dem ehemaligen Bundesfinanzminister benannt. Der Auftrag ging an Grünwald. „Gott sei Dank ist Herr Waigel ein Mann mit markantem Äußeren“, erinnert er sich. So war es leicht, eine wiedererkennbare Figur in der Größe von 22 Zentimetern anzufertigen, die über zwei mächtige Augenbrauen und einen Aktenkoffer verfügt.

Auch Sporttrophäen stammen aus der Werkstatt am Riedweg in Ammerland. So zählte Grünwald jahrelang den Internationalen Basketballverband FIBA zu seinen Kunden. Der in der Schweiz ansässige Verband orderte die Auszeichnungen „Young Player“, „Womens Player“ sowie „Player of the Year“. Der gebürtige Münchner hat sie alle aus Bronze und sehr dynamisch bei der Ausübung ihrer Sportart gestaltet. Einer der Preisträger: Dirk Nowitzki, der wohl berühmteste Basketballer der Welt. Wer weiß, vielleicht hat die kleine Skulptur aus Bronze in der Villa von Nowitzki in Dallas einen Ehrenplatz.

Doch es müssen nicht immer die ganz großen Namen sein. So hat der Künstler, zugleich Dritter Bürgermeister der Gemeinde, auch den Münsinger „Energiewende-Cup“, den „Lupus-Cup“ für den Golfclub Wolfrathausen und die Bürgermedaille für die Gemeinde Krailling kreiert. Alle zwei Jahre verleiht außerdem die Evangelische Akademie Tutzing einen Preis für Nachwuchskünstler. Sein Name: „Phönix“, das sprichwörtliche Tier erhebt sich in der Darstellung von Ernst Grünwald soeben aus der Asche in die Lüfte. Das Material: Messing – also ausnahmsweise nicht das vom Künstler geliebte Bronze.

Besonders wichtig findet Grünwald den Gabriel-von-Max-Denkmal-Preis. Damit wird in Münsing ein Stück lokale Kulturpolitik gemacht. Denn: Mit der Auszeichnung prämiert der Ostuferschutzverband jedes Jahr ein Positivbeispiel in Sachen Denkmalschutz. Das hat durchaus seinen Sinn, denn die Villa Max in Ammerland, das einstige Domizil des Malers, Spiritisten und Darwinisten Gabriel von Max, ist ein abschreckendes Negativbeispiel. Sie verfällt, ohne dass die Eigentümerin auch nur das Geringste dagegen unternimmt. Grünwald hat sich von der Tatsache inspirieren lassen, dass das Lieblingstier des Malers der Affe war. So kommt es, dass die vorbildlichen Denkmalschützer des Ostufers jetzt zur Feierstunde ein solches Tier aus Bronze verliehen bekommen. Der Affe sitzt auf einer Säule, hält eine Miniaturausgabe der Villa im Schoß und grübelt offensichtlich vor sich hin. Worüber? Die Evolution? Den Lauf der Zeit? Den mangelnden Respekt vor Denkmälern? Da kann sich jeder seinen eigenen Reim machen. Wie immer bei der Kunst.

Was mit seinen Ehrenpreisen nach der Verleihung passiert, erfährt Grünwald selten. Dass sich jemand meldet, um sich zu bedanken oder über die Botschaft des Kunstwerks zu philosophieren, passiert praktisch nie. Grünwald hat nur einen Wunsch. „Es wäre schön, wenn sie nicht in irgendeiner Schublade verschwinden.“ Wer sie kennt, kann nur sagen: Wäre wirklich jammerschade drum.

 

„Von Träumen und Kriegern“ Christiana Biron / tiana-alexis


Collagen und Gedichte

Einblicke in die lebendige und bewegende Gefühlswelt der Künstlerin.
Mit hoher Ästhetik fügen sich die einzelnen fragilen Teile der Collage und Worte zusammen und laden den Betrachter ein, in Sehnsucht, Lebenslust, Trauer und Schrecken einzutauchen.

Führung durch die Austellung durch die Künstlerin
am 04.03.2018 um 11 Uhr
Seeresidenz Alte Post – Seeshaupt

Ausstellungsdauer : 21. 01. Bis  04.03.2018

„Mächtiges Gefühl der Scham“

Von Benjamin Engel, Wolfratshauser und Starnberger SZ 24. Januar 2018

Münsing – Die Musiktheaterregisseurin Verena von Kerssenbrock bewundert ihren Urgroßvater Colombo Max (1877 bis 1970). „Für uns war er immer der Nonno“, erzählt sie. Der Maler und Sohn des Künstlers Gabriel von Max sei ein Vorbild gewesen, das sie als Kind noch persönlich erlebt habe. Colombo Max habe sehr viel gewusst, ganz in und mit der Natur gelebt, erinnert sie sich. Eine weitere Facette lernte Kerssenbrock kennen, als sie auf seine mehr als 1000 Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg stieß. Die zeigen ihn und seine Frau Paula als Skeptiker gegen den Kriegswahnsinn. Daraus ist ein Buch entstanden: „Die Münchner Künstlerfamilie Max. Feldpostbriefe 1914-1918“.

Von der Lektüre der Briefe war die Regisseurin sofort begeistert. „Das sind wahnsinnig spannende, sehr detaillierte Zeitdokumente“, erläutert sie. Paula hatte aus Liebe zu Colombo – sie hatten 1910 geheiratet – ihre Tanzkarriere aufgegeben. Am Gasthaus in Ammerland – in dem Ort hat die Künstlerfamilie Max ein Sommerhaus – liest sie von der Mobilmachung der deutschen Soldaten und notiert am 5. August 1914 in ihrem Tagebuch: „Man glaubt zu träumen, hier diese Ruhe und draußen soll Krieg werden. Mein Verstand kann diese beiden Dinge nicht vereinen.“ Warum ein so selbständiger Mann wie Colombo gezwungen wird, „alles zu verlassen und zum Raufen zu gehen“, versteht sie nicht. „Sind die Menschen noch nicht reif und gebildet genug, um sich so blutig wie Buben oder Raufbolde zu schlagen.“

An dem Buch hat Kerssenbrock fünf Jahre gearbeitet. Sie transkribierte die teils nur schwer entzifferbaren handschriftlichen Feldpostbriefe aus fünf Kriegsjahren. Die Korrespondenz war teils in Familienbesitz, teils wurde sie im Archiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg fündig. In den Räumen lagerten viele Briefe in Kisten, erzählt sie. „Die waren noch ungeordnet.“ Die ursprüngliche Idee, die Briefe nur für den privaten Familienkreis zu bearbeiten, gab Kerssenbrock bald auf. Zu spannend erschienen ihr die Briefe als Zeitdokumente für die Öffentlichkeit. Sie kontaktierte den Münchner Scaneg Verlag, der das Buch Ende 2017 herausgab.

Colombo Max wurde als Unteroffizier der Landwehr eingezogen. Von Ingolstadt kam er mit seinem Bataillon im Oktober 1914 an die Westfront. Seine Aufgabe war es, die Infanterie mit Munition zu versorgen. Später war er für die Verpflegung der Soldaten verantwortlich. Noch in Ingolstadt hält Colombo beim Anblick von gefangenen französischen Soldaten fest: „Wenn sie nicht rote Hosen anhätten, könnte man sie für intelligente Bayern ansehen.“ Im April 1915 schreibt er an seine Frau aus Fournes im französischen Flandern von Totenkreuzen, die wie Blumen in den Himmel wachsen. In der Kirche hat die Muttergottes keinen Kopf und keine Hände mehr. „Weggeschossen“, notiert er. „Bei Anblick von Verwundeten, Leichen und all dem Zerstörten habe ich immer nur ein mächtiges Gefühl der Scham“, schreibt er ein paar Tage später.

In inniger Verbundenheit präsentiert sich die Familie Max mit Paula, Colombo und Sohn Thomas (von links) auf einem Gemälde. Foto: Privat

 

Colombo und seine Frau korrespondierten fast täglich. Von Kriegsbegeisterung ist dabei nie zu lesen. Er kann nicht verstehen, warum nur von der hohen Begeisterung der Soldaten und den mächtigen Tönen der Kanonen geschrieben wird. Der Kriegslärm erzeugt in ihm „Wut aus Scham über die Menschheit“. Diese pazifistische Grundhaltung hatte wohl auch mit seiner Erziehung zu tun. Colombo war das dritte Kind aus der Ehe des Malers Gabriel von Max (1840 bis 1915) mit Emma Kitzing. Er hatte noch eine Schwester, Ludmilla, und den Bruder Corneille, ebenfalls Maler. Auf Wunsch des Vaters lebte die Familie isoliert. Er selbst und Hauslehrer unterrichten die Kinder, die keine Schule besuchten. Eine Kinderbuchautorin berichtet, dass die Buben auch nicht mit Soldaten spielen durften

Schrecken ohne Ende

Der Widerstandskämpfer Thomas Max wurde in den letzten Kriegstagen von einem glühenden Nazi in Grünwald erschossen. Das Ereignis wirkt bis heute nach, in der Familie des Opfers und der des Täters

Von Bernhard Lohr

Alles schien nach Plan zu laufen. Thomas Max war in seiner Wohnung, als gegen 8 Uhr die Meldung über Radio verbreitet wurde, die Freiheitsaktion Bayern (FAB) habe die Kontrolle über staatliche Stellen übernommen. Er wurde am Morgen des 28. April 1945 vom Glücksgefühl des nahenden Kriegsendes übermannt und tanzte vor Freude. Dann klingelte das Telefon. Man rief ihn als Arzt zu einem Verletzten ins nahe Rathaus. Seine sechsjährige Tochter Veronika wollte noch mitkommen. Doch ihr Vater wies sie an zu bleiben. Kurz darauf traf Max auf den glühenden NS-Anhänger Friedrich Ehrlicher. Es gab ein Wortgefecht. Und dann hörte die Tochter im Garten des Hauses die Schüsse, die ihren Vater im Alter von 38 Jahren tödlich in den Rücken trafen.

Thomas Max war mit den Kreisen um die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ befreundet und Anhänger der Freiheitsaktion Bayern, deren Mitglieder sich am 28. April an 78 Orten erhoben, um das sinnlose Sterben zu beenden. In Grünwald machten sich die Aktivisten daran, Sprengladungen an der Grünwalder und der Großhesseloher Brücke zu entfernen. Thomas Max setzte mit Freunden in den frühen Morgenstunden zudem den Ortsgruppenleiter Karl Müller und andere Nazigrößen im zweiten Stock des Rathauses fest. Zwei FAB-Aktivisten schoben Wache, als Friedrich Ehrlicher, Zugführer des Grünwalder Volkssturms, in Begleitung von zwei Hitlerjungen kam und die Nationalsozialisten befreite. Dabei wurde der FAB-Mann Erich Sachsinger durch Schüsse an Schulter und Achsel verletzt und Thomas Max wurde gerufen, um seinem Mörder in die Arme zu laufen. Der Aufstand der Freiheitsaktion brach zusammen und die NS-Herrschaft wurde um Tage verlängert. Am 1. Mai rollten Panzer der US-Armee durch Grünwald.

Thomas Max‘ Enkelin Verena von Kerssenbrock hat ein Buch zur Familiengeschichte veröffentlicht. An die Wand projiziert: Thomas Max mit seinen Eltern Colombo und Paula.

Mehr als 70 Jahre später hat Veronika von Kerssenbrock die Schüsse noch im Ohr, die ihr den Vater raubten und das Leben der Familie veränderten. Sein Tod war ein Schock für sie und ihren damals achtjährigen Bruder Nikolaus. „Ich habe ihn noch tot gesehen“, erinnert sich der heute 81-Jährige an das Bild, wie der Vater in einer blutdurchtränkten Militärjacke mit entfernten Hoheitsabzeichen in einem Schuppen in der Nähe des Tatorts lag. Dort hatten ihn Ehrlichers Anhänger lebend hingebracht. Erst zwei Stunden nach seinem Tod wurde die Familie benachrichtigt.

An die Ermordung von Thomas Max am 28. April erinnert ein Gedenkstein vor dem Rathaus. Die Dr.-Thomas-Max-Straße ist nach dem Mann benannt, dem der Widerstand gegen Gewalt und staatliche Willkür in die Wiege gelegt schien. Thomas Max war Adoptivsohn des Malers Colombo Max, der unter dem Eindruck der Gräuel an der Front im Ersten Weltkrieg eine stark pazifistische Ader entwickelte. In einem Feldpostbrief schrieb Colombo Max an seine Frau Paula den prophetischen Satz „Tommi muss ein Freiheitskämpfer werden. Wir sind’s nicht. Noch nicht“. Als sein Sohn ermordet wurde, wollte Colombo Max erst nicht mehr leben und wurde dann für seine Enkel Veronika und Nikolaus Vaterersatz. Sie besuchten ihn in der Max-Villa in Ammerland am Starnberger See, wo der Historienmaler Gabriel von Max schon gelebt und gearbeitet hatte, der Vater von Colombo und Corneille Max – der Malerbrüder aus Ammerland.

Colombo Max kam nie richtig hinweg über die Ermordung des geliebten Sohns , den er in seinen Feldpostbriefen im Ersten Weltkrieg viele Male als „lieben Tommi“ Grüße und Küsse ausrichten ließ. Auch ein Brief des gerade elfjährigen Tommi an seinen Vater, der als Soldat in Frankreich war, ist in dem dieser Tage erschienenen Buch „Die Münchner Künstlerfamilie Max“ abgedruckt, in dem Tommi seinem Vater von den Ereignissen im November 1918 berichtet: „In München ist Revolution! Die Soldaten sind frei und haben heute Nacht in die Luft geschossen. Maschinengewehre haben sie aufgestellt und Unser König hat abgedankt. Bayern ist Republik! […]Gruß und Kuss Dein Sohn Tommi“ Diesen Umsturz erlebte Thomas Max als Kind freudig mit, so wie er als Erwachsener das Kriegsende 1945 erwartete. Als Familienvater war Thomas Max in den Widerstand gegen Diktatur und Militarismus gegangen, als es geboten war – und fand doch nur den Tod.

Der nur ein Jahr ältere Todesschütze Friedrich Ehrlicher stand politisch auf der Gegenseite. Er war seit 1930 Mitglied der NSDAP gewesen und unter anderem Leiter der Abteilung Propaganda/Rednerwesen im Gau München-Oberbayern. Von 1938 bis 1945 führte er das Stadtjugendamt und kämpfte bis zum Schluss für den Fortbestand der Diktatur. Im Jahr 1952 musste er sich wegen der Schüsse auf Thomas Max vor Gericht verantworten. Colombo Max verfolgte die Verhandlung und erlebte, wie seine Familie ein zweites Mal Opfer wurde. „Richter zu alt (National verkalkt)“, notierte Colombo Max damals in sein Tagebuch. Stimmung „pro Ehrlicher“. Dieser sei ein „sturer Nazi“ und „militärisch“. Die Anklage lautete auf versuchten Totschlag an Sachsinger und Totschlag an Max. Ehrlicher wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein viel zu mildes, ungerechtes Urteil, wie Colombo Max fand, weil er nicht gelten ließ, dass Ehrlicher angeblich in Notwehr gehandelt hätte. Thomas Max war beim Zusammentreffen bewaffnet. Aber: „Wenn Tommi wirklich geschossen hat, war es in Notwehr. Er konnte sich denken, dass er in den nächsten Stunden gehängt würde, wenn er lebend denen in die Hände fällt.“ So der Vater. Der Täter war jedenfalls bald raus aus dem Gefängnis. Grund sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, sahen er und seine Familie über Jahrzehnte in der jungen Bundesrepublik nicht.

So geriet für die Familie von Thomas Max das Ende des NS-Regimes nicht zur inneren Befreiung. Die Gesellschaft war in den Fünfzigerjahren weit davon entfernt, Widerstandskämpfer als Helden anzusehen. Die Münchner Familientherapeutin Eva Madelung und der Historiker Joachim Scholtyseck beschreiben in ihrem Buch „Heldenkinder, Verräterkinder: Wenn die Eltern im Widerstand waren“, wie belastend für viele Nachkommen das Erbe war. NS-Täter wie Friedrich Ehrlicher waren nicht nur vor national gesinnten Richtern wieder obenauf. Der Verdienst etwa der Männer des 20. Juli wurde herabgesetzt und linker Widerstand nicht anerkannt. Behörden erließen Bescheide, dass „keine staatliche Unterstützung an Verräterfamilien“ zu zahlen sei. Selbst Mitglieder der „Weißen Rose“ hätten sich nicht getraut, sich öffentlich zum Widerstand zu bekennen, schreiben Madelung und Scholtyseck. Widerstandsfamilien seien isoliert gewesen und auf sich gestellt und hätten unter einem janusköpfigen Vermächtnis der Widerstandskämpfer zu leiden gehabt: Helden oder Verräter? Täter oder Opfer? Das war für viele Menschen damals nicht ausgemacht. Madelung und Scholtyseck gehen dem Phänomen in Interviews mit Betroffenen auf den Grund.

Nikolaus Max musste als nicht einmal zehnjähriger Bub erleben, wie verstörend die Umwelt auf die Ermordung seines Vaters reagierte. Der Täter kam gefühlt mit einem Freispruch weg. „Das Ganze ist der Familie sehr nahe gegangen“, sagt der 81-Jährige. Die Familien Ehrlicher und Max kannten sich. Man begegnete sich. Nikolaus Max ging sogar mit einem Sohn des Friedrich Ehrlicher in die Schule und hörte sich an, wie dieser sagte, dass dessen Vater seinen erschossen habe. Mit dem Täter kreuzten sich die Wege des Nikolaus Max später beinahe, als er in München an der Briennerstraße Kurse an der Gewerbeschule besuchte. Friedrich Ehrlicher war dort tätig. Max belegte einen Samstagskurs, Ehrlicher arbeitete dort unter der Woche. Begegnet sind sie sich nicht. Und doch war Nikolaus Max immer klar, wenn er die Schwelle zur Schule überschritt: Hier geht auch der andere ein und aus.

 


Dann vergingen Jahrzehnte. Nikolaus Max machte als Kaufmann sein Glück. Friedrich Ehrlicher lebte später in Haar. Die Geschehnisse vom 28. April 1945 gerieten in den Hintergrund. Doch wie durch ein unsichtbares Band blieben die Familien Max und Ehrlicher durch die Vergangenheit weiter verbunden. Ein Sohn von Friedrich Ehrlicher sprach Veronika von Kerssenbrock vor zehn Jahren bei einer Gedenkfeier für ihren Vater in Grünwald an und offenbarte ihr, dass auch die Täterfamilie bis heute unter dem Ereignis am Kriegsende leidet. Gesprochen wurde aber lange nicht darüber. Jetzt vor kurzem erst wandte sich ein Guy Hofmann mit einem Brief an Veronika von Kerssenbrock. Er ist ein Großneffe zweiten Grades des Volkssturmmanns Friedrich Ehrlicher. Hofmann kam nach dem Krieg zur Welt und war schon jenseits der 50, als er erkannte, wie in seiner Familie das Verbrechen an Thomas Max verdrängt wurde. Eine beiläufige Bemerkung in der Familie brachte Hofmann darauf, den Namen des entfernt Verwandten in eine Internet-Suchmaschine einzugeben, wo er auf einen Artikel in der Online-Enzyklopädie Wikipedia über seinen Großonkel stieß.

Als Guy Hofmann von dem Mord an Thomas Max erfuhr, versetzte es ihm einen Stich. Er dachte an Thomas Max‘ Tochter und Sohn und seine fünf eigenen Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren. Er fand den Gedanken furchtbar, dass Max‘ Kinder keinen Vater gehabt haben. Die Tat eines Fanatikers, sagt Hofmann. In der Familie war das aber nie offen Thema. „Es ist wirklich abenteuerlich“, findet Hofmann. Er und Veronika von Kerssenbrock telefonierten und sie gab ihm weitere Unterlagen. Von Kerssenbrock gibt sich heute versöhnlich und sagt: „Ich glaube, dass es im Moment für diese Familie noch viel schlimmer ist, die Geschichte zu verarbeiten. Als Kind war es natürlich schwer, aber für mich ist es vorbei. Wenn ich ihnen dabei helfen kann, es zu verarbeiten, ist das in Ordnung.“ Die Kinder könnten schließlich nichts dafür.

Doch es lässt sie auch nicht los. Guy Hofmann engagiert sich heute im Osnabrücker Forum „Kriegskinder und Kriegsenkel“ und fragt sich: „Wie viel Nazi steckt in mir?“ Dem gebürtigen Münchner gehen Szenen aus seiner Kindheit und Jugend nicht mehr aus dem Kopf. Ihn beschäftigt, dass Friedrich Ehrlicher lange den 8. Mai als einen „Tag der Niederlage“ bezeichnete und sein Großvater, ein erfolgreicher Geschäftsmann in München, noch in den Sechzigerjahren an Hitlers Geburtstag, dem 20. April, die Reichskriegsfahne hisste. Die Firmenfahrzeuge waren nicht zufällig schwarz-weiß-rot lackiert, in den Farben der umstrittenen Reichskriegsflagge.

Der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger Guy Hofmann erkennt in manchen, die in seiner Generation psychische oder körperlichen Leiden entwickeln, „Symptomträger“, die mit der „gewissen Gefühlsunterkühlung der Eltern“ zu kämpfen haben. „Mit diesem Schicksal bin ich nicht alleine.“ Über Krieg und Schuld zu sprechen war wichtig für Hofmann. Mit seiner Mutter oder Tante ging das nicht.

Hofmann arbeitet nun die Familiengeschichte auf. „Ich kämpfe gegen das Vergessen an“, sagt Hofmann. Gemeinsam mit einem Enkel Friedrich Ehrlichers, dem Romanistikprofessor Hanno Ehrlicher, will er für Wikipedia einen Lexikonartikel für Thomas Max erarbeiten. Beistand erhalten sie von der Historikerin Veronika Diem, die über die Freiheitsaktion Bayern promovierte. Sie hat den Aufstand am 28. April 1945 untersucht, bei dem im südbayerischen Raum 57 Menschen ihr Leben verloren. Außer Max erschossen NS-Schergen von der Grünwalder Widerstandsgruppe den französischen Kriegsgefangenen Lucien Merlin.

Die Münchner Künstlerfamilie Max

Feldpostbriefe 1914-1918

Aus der Münchner Künstlerfamilie Max werden die beiden als Maler tätigen Söhne des berühmten Gabriel von Max – Corneille und Colombo – 1914 in den Kriegsdienst einberufen. Der 1875 geborene Corneille kommt zum Landsturm, der 1877 geborene Colombo wird Unteroffizier in der Landwehr. Der Nachlass im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und die Bestände der Familie enthalten die gesamte „Feldpost“ Korrespondenz von Colombo mit seiner Frau Paula. Er lehnt den Krieg zutiefst ab, aber er berichtet fast täglich von seinen Erlebnissen und legt den Briefen Zeichnungen bei, sie dagegen erzählt ihm von den Zuständen in der Stadt München. Neben den Kriegsereignissen treibt ihn die Sorge um die künstlerischen Hinterlassenschaft seines 1915 gestorbenen Vaters, mit dem er ein Atelier geteilt hatte. Auch sein Bruder und andere Verwandte sind an der Korrespondenz beteiligt. Paula wird von der befreundeten Familie des Bildhauers Adolf von Hildebrand mit dem Sohn und den fünf Töchtern unterstützt, sie kämpft gegen Hunger, Scharlach und Spanische Grippe. Sie berichtet noch anschaulich von der Revolution in München, bis Colombo, der im Soldatenrat tätig ist, endlich im November 1918 zurückkehrt.
Verena Kerssenbrock, eine Ur-Enkelin von Colombo Max, hat die Auswahl aus der Familien­korrespondenz zusammengestellt und einen Lebensbericht verfasst, der die Jahrgänge der Feldpost umrahmt. Zuerst wird die Vorgeschichte des schreibenden Paares in der Welt der Münchner Künstler dargestellt, und nach den Briefen werden die Familienereignisse weiter verfolgt. Paula stirbt 1935 und der Sohn Thomas Max wird im April 1945 als Kämpfer der Freiheitsaktion Bayern ermordet. Der Maler Colombo arbeitet künstlerisch bis ins hohe Alter und stirbt 1970.
Einband gebundene Ausgabe
Herausgeber Verena Kerssenbrock
Seitenzahl 600
Erscheinungsdatum 30.11.2017
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-89235-806-0
Verlag Scaneg Verlag E. K.
Abbildungen 249 Abbildungen
Auflage 1

Einladung Ostuferspaziergang Oskar Maria Graf

Mein bester Spezi ist der Kramerfeichtmartl gewesen …

Dienstag, 17.10.2017 | 16:00 Uhr

Ein Spaziergang durch Berg mit Katja Sebald
Menschen und Orte im Werk von Oskar Maria Graf

Ludwig II. war schon ein paar Jahre nicht mehr bayerischer König, als im Berger Bäckerhaus, nur ein paar Schritte vom königlichen Schloss entfernt, Oskar Graf geboren wurde. In den Erinnerungen der Dorfbewohner blieb der unglückliche König noch lange lebendig. Nicht nur er sollte später in den Erzählungen des Schriftstellers Oskar Maria Graf auftreten, sondern auch andere mehr oder weniger bekannte Bewohner Bergs. Viele Textpassagen lassen sich an noch heute bestehenden Gebäuden wie auch Familiennamen verorten.

Treffpunkt: Oskar Maria Graf Stüberl, Grafstraße 9, 82335 Berg
Dauer ca. 90 min.

 

Umweltpreis des Landkreises

 

Der Umweltpreis wird seit 1993 durch den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen alle zwei Jahre vergeben. „Der Preis soll vorbildliche Initiativen auf dem Gebiet des Umwelt- und Naturschutzes sowie der Erhaltung unseres Lebensraumes würdigen“, heißt es in den Richtlinien.

Bei der letzten Vergabe 2015 wurden die Anbietergemeinschaft Bauernhofurlaub im Tölzer Land, die Bürgergemeinschaft Ramsau für das Projekt „Ramsauer Nahwärmenetz“ sowie die Münsinger Leni und Horst Wendt für ihre Lebensleistung als Pioniere des ökologischen Anbaus von Lebensmitteln ausgezeichnet.

Neuer Preis

Es war eine Premiere: Weil die Gussform für den bisherigen Umweltpreis zu Bruch gegangen war, hatte der Landkreis einen Künstlerwettbewerb ausgeschrieben. Das Rennen machte die Skulptur von Hans Neumann aus Münsing. Am Donnerstag, den 21. September 2017 wurde sie erstmals den Preisträgern überreicht.

Nah am Wasser gebaut

Exkursion auf dem Dampfer 

Von Benjamin Engel, Süddeutsche Zeitung vom 10. September 2017

Berg/Münsing – Die MS Bayern zählt selbst zur Historie auf dem Starnberger See. Das Motorschiff ist der älteste der derzeit dort verkehrenden Ausflugsdampfer. Mit dem Bau wurde 1938 in einer Deggendorfer Werft begonnen. Wegen des Zweiten Weltkrieges wurde das Schiff aber erst 1948 fertiggestellt und das Schiff in Betrieb genommen. Jedenfalls passt die MS Bayern zum Historischen Verein Wolfratshausen, der am Samstag eine historische Schifffahrt vorbei an Schlössern und Villen mit dem Ausgangs- und Endpunkt Berg auf dem See organisiert.

Gegen 17 Uhr regnet es leicht bei gerade einmal um die 12 Grad Celsius. Viele der mehr als 100 Gäste haben deshalb Schirme dabei und wetterfeste Jacken an. Die meisten zieht es direkt ins Innere der MS Bayern. Nur wenige trotzen der Kälte am Außendeck. Für alle bieten jedoch Bernhard Reisner, zweiter Vorsitzender im Historischen Verein, und die Vorsitzende des Ostuferschutzverbandes, Ursula Scriba, einen anekdotensatten, historisch-fundierten Überblick zur Geschichte der Bauwerke und Bewohner am See – vom ersten italienischen „In-Lokal“, über Künstler bis hin zum bayerischen Märchenkönig Ludwig II.

Ohne auf den Monarchen und dessen Lieblingsschloss Berg einzugehen, hätte eine historische Schifffahrt ihr Thema verfehlt, wie Reisner sagt. Dem quadratischen Bau fehlen heute die Türme an den Ecken, die König Maximilian II. Mitte des 19. Jahrhunderts errichten ließ. Einen fünften, ebenfalls nicht mehr existenten, mit Namen „Isolde“ ließ Ludwig II. später anbauen. Er nutzte das Berger Schloss als Sommerresidenz, verbrachte darin die letzten Stunden vor seinem Tod im Starnberger See 1886.

Darum ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien bis hin zum Mordkomplott. Unstrittig ist, dass Ludwig II. nach seiner Entmündigung in Schloss Berg interniert wurde. Die Leichen des Königs und des Psychiaters Bernhard von Gudden wurden im Wasser nahe des Ufers im Schlosspark gefunden. Ein Kreuz und die Votivkapelle markieren die Fundstelle. Wie Scriba betont, gehe man davon aus, dass beide ertrunken seien. „Ludwig II. war aber ein ausgezeichneter Schwimmer.“ Jeder solle sich seine eigenen Gedanken machen, sagt sie.

Szenenwechsel ein wenig südlicher: Das Schiff gleitet an Leoni vorbei. Die Gäste erfahren, wie die einst Assenbuch genannte Fischer-Ansiedlung zu diesem ungewöhnlichen Namen kam. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich Martin Vischer aus Berg dort angesiedelt und ein Fischeranwesen gebaut. Darum erstand eine kleine Siedlung. Laut Scriba soll im Ort eine riesige Buche gestanden haben. In ihr Blätterdach führte eine Treppe bis zu einer Altane, einer Art Balkon. Unter dem Baum stand ein kleines, ärmliches Gebäude, das Buchhaus, woraus sich der Name Assenbuch für die Ansiedlung ableitete.

Im 19. Jahrhundert erbte der der italienische Opernsänger Guiseppe Leoni von Staatsrat Franz von Krenner ein Haus in Assenbuch. Mit seiner zweiten Frau Rosina – sie war eine gute Köchin – betrieb Leoni darin ein Wirtshaus mit der Küche seines Heimatlandes. „Das war in aller Munde. Es war wohl das erste italienische In-Lokal weit und breit“, erläutert Reisner. „Gemma zum Leoni“, habe es fortan geheißen. Der Name blieb. In das an derselben Stelle 1889 erbaute Hotel lieferte der Schriftsteller Oskar Maria Graf als Bub die Semmeln der väterlichen Bäckerei aus Aufkirchen. Nach dem Abriss des Gebäudes in den 70er-Jahren entstand das heutige Seehotel Leoni.

Kurz darauf taucht die nach dem Unternehmer Johann Ulrich Himbsel benannte Villa mit einer der Lüftlmalerei nachempfundenen Fassade am Ufer auf. Der Bau-Tycoon eröffnete 1854 die Eisenbahnverbindung von München nach Starnberg. Zugleich nahm er den ersten Raddampfer am See in Betrieb. Für das Himbsel-Haus war der Typus des Bauernhauses Vorbild – zumindest nach außen. Im Inneren schmücken Wandmalereien namhafter Münchner Maler wie Wilhelm von Kaulbach und Moritz von Schwind das Treppenhaus.

Am ganzen Ostufer entlang steuert Kapitän Günter Engel die MS Bayern an Villen und herrschaftlichen Schlössern vorbei. Südlicher Punkt ist Seeshaupt. Am 1815 zu zwei Dritteln abgebrannten früheren Bauern- und Fischerort wechselt die Fahrt ans Westufer. Über Bernried, Tutzing und die Roseninsel geht es in rund drei Stunden wieder zurück nach Berg. Vor einem Jahr hat Reisner die Idee zur geschichtlichen Schifffahrt im Vorstand des Historischen Vereins präsentiert. Ursula Scriba gewann er zur Mitwirkung. Gemeinsam förderten sie so manches Kurioses zutage.

Im Ammerlander Schloss hielt sich 1816 etwa Antoine Marie Chamans, Graf von Lavallette versteckt. Der französische Offizier und Staatsmann war ein Freund Napoleons. Nach dessen Sturz war es aus Frankreich geflüchtet. Von seinem Versteck in Ammerland wusste der bayerische König Max I. Joseph. Bekannter ist der herrschaftliche Bau in Ammerland als Pocci-Schloss. Franz Graf von Pocci residierte dort im Sommer. Der Zeremonienmeister und Hofmusikintendant schuf mehr als 40 Stücke um den Kasperl Larifari für das Münchner Marionettentheater und wurde als Kasperlgraf bekannt. 1988 hatte Werner Döttinger das Ammerlander Schloss nach rund 20 Jahren Leerstand erworben und aufwendig renoviert. Dafür hat ihn der Ostuferschutzverband 2016 mit dem Gabriel-von-Max-Denkmalpreis ausgezeichnet.

Weniger vorbildhaft haben sich die Eigentümer der Villa Max in Ammerland verhalten. Das frühere denkmalgeschützte Haus des Künstlers Gabriel von Max lassen sie seit Jahren verfallen. Die Balkonbrüstung ist vollkommen eingestürzt. Und vom See wird der Kontrast zwischen dem gepflegten Bootshaus am Ufer und der Villa dahinter erst besonders auffallend.

Zum Abschluss gibt Reisner noch einen Exkurs zur Schifffahrts-Historie am See. Die erlebte ihren Aufschwung in der Barockzeit mit dem Bucentaur. Kurfürst Ferdinand Maria hatte das prächtige dem Staatsschiff des venezianischen Dogen nachempfundene Ruderschiff im 17. Jahrhundert in Auftrag gegeben. Anlass war die Geburt von Thronfolger Max Emanuel. „Seine Frau Henriette Adelaide hatte sich dazu ein Schloss, eine Kirche und ein Schiff gewünscht“, sagt Reisner. „Mit Nymphenburg, der Theatinerkirche und dem Bucentaur hat Sie alles bekommen.“

Ein Nilpferd am Badestrand

Isar – Loisachbote , 23. August 2017 von Andrea Weber

Bildhauer Hans Neumann gestaltet Arbeit für Ostuferschutzverband 

Münsing – Vor rund drei Wochen kamen Vorstandsmitglieder des Ostuferschutzverbands (OSV) überraschend in die Werkstatt des Bildhauers Hans Neumann nach Münsing. Sie hätten gerne den lebensgroßen Stier, der dort in Neumanns Hof so gemütlich am Boden sitzt, als Objekt für den Münsinger Gemeindebadeplatz in Ammerland. Doch der Bildhauer machte ihnen einen neuen Vorschlag: Er würde lieber ein rund geformtes Nilpferd fertigen. Denn, so weiß der Künstler aus Erfahrung: „Darauf werden Kinder gerne spielen.“

Die Gemeinde hat ihr Einverständnis erklärt. Die Voraussetzungen sind damit geschaffen, freut sich OSV-Vorsitzende Ursula Skriba. Sie ist von der Idee begeistert: „Hans Neumanns Arbeiten haben so viel Liebenswertes an sich. Sie rühren am Herzen.“ Für den Badestrand, den Familien gerne nutzen, wäre eine Arbeit des Bildhauers deshalb sehr passend.

Der Bildhauer ist ein stets gut aufgelegter Mensch, der sehr wohl weiß, dass die Welt nicht in Ordnung ist. Seine Arbeiten drücken dennoch Frohsinn und Optimismus aus, mahnen aber auch zu Menschlichkeit, Natur- und Tierschutz. „Tiere und Kinder sind doch ein gutes Gespann“, sagt der Familienvater, der jüngst Urgroßvater wurde.

Oftmals versteckt Neumann in seinen Kunstwerken originelle Funktionen. Ein Beispiel ist der Bienenstock im „Heiligen Ambrosius“, aus dem durch die gefalteten Hände die fleißigen Insekten ein- und ausfliegen können – eine übermannshohe Holzskulptur für das Gut Biberkor. Auch sein liegendes Pferd auf dem Kunstwanderweg am Blomberg-Gipfel sei stets von Kindern belagert, die auf dem glattgewetzten Rücken des Huftieres ihre höchste Freude hätten, sagt der Künstler.

Hans Neumann ist überzeugt von der Idee des Nilpferds am Starnberger See. Zwar soll es den Rachen gefährlich weit aufreißen, verrät er schon vorweg, doch die Kinder brauchen vor dem „Hippo“ keine Angst zu haben. „Dem klemme ich etwas zwischen die Zähne“, sagt er schmunzelnd. Derzeit prüft der OSV drei Modelle aus Ton. Auf welches die Entscheidung fällt, weiß der Künstler noch nicht. Aber einen riesigen alten Eichenstamm habe er schon in Aussicht.

Der heute 79-jährige Künstler ist täglich rührig mit der Kettensäge am Werk. Seine Holz-Skulpturen sind im Landkreis und darüber hinaus begehrt. So hat er aktuell auch den Zuschlag erhalten, vier Trophäen für den Umweltpreis 2017 des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen zu gestalten.

Neumann gehört zu den ältesten Teilnehmern an der diesjährigen Kunstmeile in Wolfratshausen. Seine Skulptur „Stier und Bär“, sinnbildlich für den Börsenbegriff „Baisse und Hausse“, wird von 22. September bis 8. Oktober vor der Raiffeisenbank an der Sauerlacher Straße stehen und sein „Eulenbaum“ im Pfarrgarten der Kirche St. Michael.

„Es gibt Dinge, die sein müssen“

von Andrea Weber, Isar Loisachbote vom 27. April 2017

Elisabeth Biron von Curland reproduzierte den berühmten Isenheimer Wandelaltar. Das Werk der Ickinger Künstlerin und Restauratorin wird in der Wallfahrtskirche eines Klosters bei Mainz seinen Platz finden. 

Icking/Dorfen – Gut drei Jahre hat Elisabeth Biron von Curland gebraucht, um den berühmten Isenheimer Altar zu reproduzieren. Es war keine Auftragsarbeit. Die Ammerlander Künstlerin sah die Arbeit vielmehr als Hommage an den Erschaffer des Kunstwerks Matthias Grünewald, und als „eine Zeit der intensiven Meditation und Spiritualität“. Nun hat die Reproduktion des wohl berühmtesten Wandelaltars aus dem Mittelalter auch einen Platz bekommen. Er steht künftig in der Wallfahrtskirche eines Nonnenklosters bei Mainz. Bevor das Werk überführt wird, lädt die Künstlerin am kommenden Sonntag in ihr Atelier ein.

„Es gibt manchmal Dinge, die sein müssen“, sagt Elisabeth Biron von Curland. Vor drei Jahren fragte Pfarrer Florian Gruber von der evangelischen Kirche St. Michael in Wolfratshausen bei ihr an, ob sie einen Vortrag über den Isenheimer Altar in seiner Gemeinde halten würde. Birons Ausdruckskraft ist das gemalte Bild. „Warum sollte ich dann einen Diavortrag halten?“, fragte sie sich. Sie begann die wandhohen Tafeln, zwei feste und vier drehbare Altar-Flügel, und die horizontale Predella (Sockel) mit den Abbildungen der Leidensgeschichte Christi mit Pastellkreide auf Packpapier zu zeichnen. Diese in Glas gerahmte Version wurde 2014 in St. Michael ausgestellt. Doch dauerhaft wäre die Arbeit auf Papier nicht haltbar. So entschied sich Biron, das Gesamtwerk ein zweites Mal mit Kreide, aber diesmal auf Leinwand zu kopieren. Durch die Kreide hat ihre Arbeit einen seidigen und leichten Duktus im Vergleich zum in Öl und Tempera gemalten Original. Um die Genauigkeit bis ins Detail zu wahren, studierte die Künstlerin historische Schwarz-Weiß-Fotografien, farbige Detailaufnahmen aus Kunstbänden und befasste sich intensiv mit Grünewalds Biografie und der Entstehungsgeschichte des Originals. Der Meister schuf den Altar zwischen 1512 und 1516 für die Spitalkirche des Ordens der Antoniter zu Isenheim. Die Antoniter waren ein Bettelorden, der sich um 1070 gründete. Ihre wichtigste Aufgabe war die Krankenpflege. Sie nahmen sich der Menschen an, die am „Antoniusfeuer“ erkrankten, einer weit verbreiteten Mutterkornvergiftung durch einen Pilz im Getreide. Der Altar, der dem heiligen Antonius gewidmet ist, sollte Wunder bewirken oder zumindest Trost im Gebet bei der Betrachtung der Kreuzigung Christi bringen.

Biron, geboren 1941 in Rom und aufgewachsen in Italien und Brasilien, ist bekannt für ihre ausdrucksstarke Porträtmalerei. Sie spiegelt Menschen nicht einfach wider. Sie hat die Begabung, ihnen Ausdruck und Seele zu geben. Als gelernte Gemälderestauratorin an der Bayrischen Staatsgemäldesammlung in München hat sie sich intensiv mit der Kunst der alten Meister auseinander gesetzt. Sie ist eine Verfechterin der klassischen Kirchenmalerei und sieht die Entwicklung kritisch, dass moderne Kirchen immer minimalistischer ausgestaltet werden. „Die Sprache der Bilder geht verloren“, sagt sie.