Streit um geplantes Seniorenwohnstift in Ambach

 

 

Münchner Merkur, Isar Loisachbote vom 1. Juli 2016
von Sebastian Dorn und Tanja Lühr

Münsing – Die neuen Eigentümer der ehemaligen Wiedemann-Klinik in Ambach verteidigen ihr geplantes Seniorenwohnstift. Es würden „haltlose Gerüchte und Mutmaßungen“ kursieren. Die Gegner des Bauprojekts sammeln Unterschriften.

Ein paar Wochen wird es noch dauern. Dann will das Kuratorium Wohnen im Alter (KWA) aus Unterhaching die Öffentlichkeit über sein geplantes Seniorenwohnstift in Ambach informieren. „Wir wollen unserem Planungsbüro keinen Druck machen“, sagt Sprecherin Sieglinde Hankele auf Nachfrage. „Das wird sauber durchlaufen. Es ist ganz normal, dass solche Planungen Zeit brauchen.“

Wie berichtet hat KWA das Grundstück der ehemaligen Wiedemann-Klinik am Starnberger See im April gekauft. Vor elf Tagen, sagt Hankele, erfolgte die notarielle Übergabe. Das ehemalige Sanatorium soll einem Neubau weichen. Das Unternehmen plant ein Seniorenwohnstift. Von 90 Wohnungen samt Aufenthaltsräumen, Gastronomie und Schwimmbad war die Rede. Noch bevor es offizielle Pläne gibt, regt sich Widerstand: Die Initiative Ambach sammelt Unterschriften gegen das Projekt.

Vorstand reagiert auf Aktivitäten der Kritiker

Der Vorstand des Kuratoriums reagiert nun auf die Aktivitäten der Kritiker. Man plane ein Bauwerk, „das Menschen auch noch in zehn und 20 Jahren gefällt und ein behagliches Zuhause bietet“, teilen die Vorstände Horst Schmieder und Dr. Stefan Arend mit. Futuristisch anmutende Darstellungen der Initiative Ambach seien falsch. Auch ein abfotografierter Grundrissentwurf, den die Initiative im Internet zeigt, habe „ausschließlich ersten Masseermittlungen“ gedient. „Alles, was derzeit an Gerüchten und angeblichen Plänen verbreitet wird, entbehrt jeglicher Grundlage.“

Zudem widerspricht KWA den Äußerungen in der Münsinger Bürgerversammlung, die ein „Senioren-Ghetto“ in Ambach befürchten. Das sei „nicht nur geschmacklos, sondern verbietet sich schlichtweg, aus Respekt vor älteren Menschen“.

Bürgermeister verteidigt neue Eigentümer

Auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl findet die Verwendung der Bezeichnung „herabwürdigend, peinlich und völlig unpassend“. Das schreibt er an unsere Zeitung. Auch die Gegner der Senioreneinrichtung würden möglicherweise einmal einen Pflegeplatz benötigen. „Menschen, die in schöner Umgebung leben wollen, werden einkaufen, zum Friseur gehen, Blumen kaufen, Lokale und Veranstaltungen besuchen und sehr viele heimische Handwerker beschäftigen“, so der Bürgermeister. „Darauf legt auch KWA als seriöser Träger Wert.“ Er wünsche sich „eine offenere Diskussion parallel zur baurechtlichen Seite“. KWA werde auf die Sorgen und die sensible Umgebung eingehen, schreibt Grasl. „Die Gemeinde wird sich sehr genau und kritisch auf ihre ortsplanerische Kernaufgabe, die Planungshoheit und den Baumschutz konzentrieren.“

70 Unterschriften gegen Vorhaben gesammelt

Bislang 70 Online-Unterzeichner wehren sich nach dem Aufruf der Initiative Ambach bislang gegen die Pläne des Kuratoriums. Sebastian Wiedemann, Initiator der Unterschriftensammlung, möchte die Liste in etwa zwei Wochen Bürgermeister Grasl übergeben. Nach einem Gespräch mit Grasl im Rathaus seien die Fronten mittlerweile allerdings nicht mehr so verhärtet wie zu Beginn, sagt der Enkel des Sanatorium-Gründers Dr. Fritz Wiedemann. Das KWA sei auf Drängen der Gemeinde bereit, umzuplanen und das Gelände weniger dicht zu bebauen, sagt Wiedemann.

„KWA möchte Ruhe in die Sache bringen“, bestätigt der Bürgermeister. Nach der Sommerpause wolle das Unternehmen die überarbeiteten Pläne öffentlich präsentieren. Die Anlage soll laut Grasl „verträglicher“ werden, „auch von der Gestaltung her“. Gleichzeitig lässt die Gemeinde die Frage nach dem Baurecht juristisch prüfen. Einige Mitglieder des Ostuferschutzverbands bezweifeln, dass die Klinik-Ruinen Bestandsschutz genießen, da sie seinerzeit im eigentlich nicht bebaubaren Außenbereich errichtet worden seien.

Wiedemann-Klinik Patienten-Akten frei zugänglich


Von Barbara Briessmann, Münsing

Zehn Jahre lang haben im früheren Kursanatorium Wiedemann offenbar Krankenakten und Röntgenbilder herumgelegen, darunter die vieler prominenter Patienten. Die Akten waren einsehbar für jeden, der sich Zugang zum Gebäude verschafft hatte, was wegen kaputter Türen und Fenster nicht schwer war. Jeder hätte sich so ein umfassendes medizinisches Bild der Patienten der Wiedemann-Klinik in Ambach machen können.

Als die Zuständigen des neuen Käufers „Kuratorium Wohnen im Alter“ (KWA) auf die Zustände aufmerksam wurden, entsorgten sie sofort die sensiblen Daten. „Zu unserer Überraschung fanden wir bei einer ersten Besichtigung der maroden baulichen Anlage auf dem ehemaligen Wiedemann-Areal in verschiedenen Räumen noch Unterlagen, die dem früheren Klinikbetrieb zugeordnet werden konnten“, heißt es in einer Mitteilung des KWA. Inzwischen arbeitet das Landesamt für Datenschutzaufsicht an dem Fall, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Seit elf Tagen ist das KWA im Besitz der Immobilie. Der Ärger scheint nicht abzureißen.

Am Donnerstag wandte sich das KWA an die Öffentlichkeit. Sie seien erschüttert von „haltlosen Gerüchten und Mutmaßungen“, teilen die Vorstände Horst Schmieder und Stefan Arend mit. Insbesondere die Verwendung des Begriffs „Senioren-Getto“ erbost die KWA-Chefs. „Diesen Begriff in Zusammenhang mit Senioren zu verwenden, ist nicht nur geschmacklos, sondern verbietet sich schlichtweg, aus Respekt vor älteren Menschen“, schreiben sie.

Das KWA will in Ambach auf einem Teil des früheren Wiedemann-Grundstücks ein Seniorenwohnstift errichten. Insgesamt 90 Wohnungen mit Gastronomie und Schwimmbad sollen entstehen. Noch liegen keine Baupläne vor, dennoch kursieren bei den Gegnern des Projekts Modelle im Internet. „Alles, was derzeit an Gerüchten und angeblichen Plänen verbreitet wird, entbehrt jeglicher Grundlage“, teilt der KWA-Vorstand mit. Die Pläne seien noch lange nicht fertig, würden derzeit aber „in intensiver Abstimmung mit den gemeindlichen Gremien und Behörden weiter vorangebracht“.

Die Gegner haben sich formiert. So hat der Architekt und Enkel des Klinik-Gründers Sebastian Wiedemann eine Initiative gegründet, weil er befürchtet, das KWA-Vorhaben könnte zu groß ausfallen. Auch der Ostuferschutzverband (OSV) kritisiert das Bauprojekt. Er fürchtet um den Baumbestand und hat die Schreckensvision eines „Senioren-Gettos“ aufgebracht.

Das bringt auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl in Rage: „Ich persönlich finde diese Bezeichnung herabwürdigend, peinlich und völlig unpassend“, schreibt er in einer Pressemitteilung. Grasl fragt, ob die Gegner des Seniorenwohnstifts nicht alt und vielleicht pflege- oder betreuungsbedürftig würden. Er verspricht, die Gemeinde werde sich sehr genau und kritisch auf ihre Planungshoheit und den Baumschutz konzentrieren. Die Kritiker einer solchen Einrichtung dächten „sehr kurzsichtig. Lieber beschäftigt man sich mit den Gegenständen, die seit über zehn Jahren in der Ruine ihr Dasein fristen.“

Zur Ruine wurde die Wiedemann-Kurklinik, nachdem eine italienische Firma den Betrieb 2004 übernommen hatte und 2005 Insolvenz anmelden musste. Beim Auszug ließen die Betreiber offenbar alles stehen und liegen, auch die Patienten-Akten, die sie von Wiedemann übernommen hatten. Wie Spuren zeigen, waren wohl immer wieder Menschen in dem Klinikbau. Die Polizei stieß vor Wochen auf eine Krankenakte. Auf der Straße lagen Befunde eines früheren Patienten, die möglicherweise Jugendliche entwendet hätten, sagte ein Polizeisprecher.

Promi-Krankenakten liegen in verlassener Klinik herum

Münchner Merkur, Isar-Loisachbote vom 30. Juni 2016
von Tanja Lühr und Sebastian Dorn

Münsing – Prominente ließen sich jahrzehntelang in der ehemaligen Wiedemann-Klinik am Starnberger See kurieren. Ihre Patientenakten, Röntgenbilder und Befunde liegen noch immer im Gebäude – für jeden frei zugänglich.

+++ UPDATE, 30.06.2016, 20.30 Uhr +++ Inzwischen ist die Wiedemann-Klinik ein Fall für den Staatsanwalt: Wie der Isar-Loisachbote erfuhr, wird wegen der Krankenakten, die offen einsehbar in der „Geisterklinik“ herumliegen, ermittelt.

Promi-Krankenakten liegen in verlassener Klinik herum

Als Prof. Brinkmann trat der Schauspieler Klausjürgen Wussow in der „Schwarzwald-Klinik“ auf.

Auch der Arzt muss mal zum Arzt. In der ZDF-Fernsehserie „Die Schwarzwald-Klinik“ behandelte der Schauspieler Klausjürgen Wussow als Professor Klaus Brinkmann in den 1980er-Jahren und ließ die Herzen seiner Fans höher schlagen. Zeitweise saßen pro Episode 28 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher und verfolgten die Geschichten um den charmanten, dunkelhaarigen Mann. Privat ließ sich Wussow, der am 19. Juni 2007 bei Berlin gestorben ist, in der Wiedemann-Klinik am Ostufer des Starnberger Sees in Ambach bei Münsing (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) behandeln. Wussows Akte und die Unterlagen vieler anderer prominenter Patienten liegen noch heute in der Klinik. Sie ist zwar seit über zehn Jahren geschlossen und das Haus soll abgerissen werden. Momentan sind die Räume aber jedermann zugänglich, und damit auch die Unterlagen. Ein Datenschutz-Skandal.

Die Röntgenbilder von Wussow

Auch Wussows Patientenakte liegt frei zugänglich herum.

Der frühere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, Modedesigner Rudolph Moshammer und die Schauspieler Heinz Rühmann, Harald Juhnke, Inge Meysel und Heidi Kabel: Sie alle kamen für die Kuren von Klinikgründer Dr. Fritz Wiedemann an den Starnberger See. Er behandelte seit 1956 mit Vitaminen, Homöopathie, Akupunktur und Ozontherapie. Darauf weisen Plakate hin, die noch immer in dem verlassenen Gebäude hängen. Es wirkt wie eine Geisterklinik: Im Garten wuchern Bäume und Sträucher, Scheiben des Hauses sind eingeschlagen. Im Keller stehen noch Computer und der Röntgenapparat, auf dem Knochenteile eines Lehr-Skeletts liegen. Und in Schränken und auf dem Boden liegen Rezepte, Befunde und Röntgenbilder sowie Unterlagen des Betriebsrats zu Tarifverhandlungen, Weihnachtsgeld und Bewerbungen.

Der große braune Umschlag von Klausjürgen Wussow liegt neben dem Röntgenapparat. Sein Geburtsdatum steht auf einem weißen Aufkleber, 30. April 1929. Genau wie das Datum der Röntgenaufnahme: 23. Oktober 1987. Das ist auf Bildern zu sehen, die unserer Zeitung aus dem Inneren der ehemaligen Klinik zugespielt wurden. Die Aufnahmen sind in dieser Woche entstanden.

Der Fotograf besucht verlassene Orte

Inge Meysel ließ sich hier behandeln.

Der Fotograf besucht in seiner Freizeit so genannte „lost places“, auf Deutsch „verlassene Orte“, und macht Bilder. „Ich wollte erst nur den verwilderten Garten fotografieren, weil mich fasziniert, wie die Natur sich ihren Raum zurückerobert“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. Dann sei ihm eine offene Tür aufgefallen. „Nach Ambach sind Promis mit Alkoholproblemen gekommen. Was, wenn die Akten in falsche Hände geraten?“ Vermutlich schlummern in den Kuverts noch weitere Daten Prominenter.

Dass die Akten offen herumliegen, ist kein Geheimnis. Schon einige sind in die leer stehende Klinikräume eingebrochen. Bierflaschen und Musikboxen stehen herum. Jemand hat Röntgenbilder an eine Fensterscheibe geklebt und auf einen Stuhl eine Bleiweste und Handschuhe drapiert. Ein gruseliger Anblick. Besonders pikant: Vor zwei Wochen fand eine offizielle Veranstaltung in den Räumen statt.

Party-Gäste tanzen neben Patientenakten

Zu einer Kunstaktion kamen rund 200 Personen. Eine Art Abrissparty. „Künstler und Spinner waren da, aber alle friedlich“, sagt Dieter Wiedemann, Nachbar der Klinik und Bruder des einstigen Klinikbetreibers. Partygäste tanzten neben sensiblen Patientenakten.

Dieter Wiedemann betont, dass seine Familie mit dem schlampig aufbewahrten Dokumenten nichts zu tun habe. Als das italienische Unternehmen Sanacare das Sanatorium im Jahr 2004 übernommen habe, seien alle Akten in das Eigentum dieser Firma übergegangen. Ein Jahr später meldeten die Italiener Insolvenz an. Sie seien plötzlich verschwunden, ohne groß aufzuräumen, sagt Dieter Wiedemann. Fremde hätten sich seitdem immer wieder in den verlassenen Häusern herumgetrieben. In sie einzubrechen sei nie schwer gewesen.

Es gibt strenge Regeln

Schränke voll mit Patientenunterlagen befinden sich in den Räumen des ehemaligen Sanatoriums.

Patientenakten sind „sensibles Material“, erklärt Prof. Dr. Thomas Petri, Bayerischer Landesbeauftragter für den Datenschutz. „Die Anforderungen für den Schutz sind besonders hoch.“ Es gebe eine Fülle von Regeln. Krankenhäuser müssten die Unterlagen nach der abgeschlossenen Behandlung in ein passives Archiv verschieben, das nicht frei zugänglich ist. Die Prüfung der Sicherungsmechanismen sei eine wichtige Aufgabe der Datenschützer, sagt Petri. „Leider müssen wir immer wieder Mängel feststellen.“ Röntgenbilder müssten in der Regel zehn Jahre lang aufbewahrt werden. „Kopien sind dann zu entsorgen.“ Die Aufnahmen, die in der Wiedemann-Klinik liegen, sind laut Aufdruck teilweise 30 Jahre alt. Das Problem, dass sich nach einer Insolvenz niemand mehr zuständig fühlt, kennt Petri. Er setze sich dafür ein, gesetzlich zu verankern, dass in solchen Fällen die Kammern für ihre Mitglieder eintreten müssen. Schon jetzt, sagt Petri, kümmern sich die Ärztekammern nach der Insolvenz oder dem Tod eines Arztes um die Verwahrung der Akten. Jedoch aus „Gutwill“. Für sie wolle er Rechtssicherheit schaffen. In Baden-Württemberg ist das bereits geschehen, sagt Petri.

Das alte Gebäude soll abgerissen werden

Soll abgerissen werden: Eines der Gebäude des ehemaligen Sanatoriums in Ambach.

Neuer Eigentümer des Wiedemann-Areals in Ambach ist seit April das Unternehmen „Kuratorium Wohnen im Alter“ (KWA) aus München. Es will das alte Gebäude abreißen und Seniorenwohnungen bauen. Die Künstler-Party habe vor Besitzübergang mit Erlaubnis der KWA stattgefunden, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit. „Zur Überraschung von KWA befanden sich in dem Gebäude noch Unterlagen, die dem Klinikbetrieb zugeordnet werden konnten“. Man hätte sensible Unterlagen sowie Patientenakten, soweit die als solche erkennbar waren, unmittelbar nach dem Grundstückskauf und noch vor der Party entfernt, beteuert KWA. Das Betreten des Grundstücks sei „rechtsverletzend, da es sich um Privatgrund handelt“.